Dreht Amerika durch?

Der SPIEGEL fand eine Überschrift, die fast schon genial auf den Begriff bringt, was am 9. November passiert ist: „American Psycho“. Das ist der Titel eines Romans von Bret Easton Ellis aus dem Jahr 1991. Ein wahrhaft monströses Buch über einen reichen smarten Wall-Street-Spekulanten, der sich in der Freizeit als Serienmörder betätigt mit dem „künstlerischen“ Ehrgeiz, die grausamsten Folter- und Tötungsformen kreativ auszudenken und zu realisieren. Das Buch konnte man bei seinem Erscheinen als eine Metapher für das kranke Amerika interpretieren – eine Dystopie wie Orwells „1984“, worin im Erscheinungsjahr 1948 sich die Welt im Zeitalter der großen Diktaturen, ihren Konzentrationslagern und Gulags, spiegelte..

Natürlich ist Donald Trump nicht Patrick Bateman, der Held des Romans. Er ist zwar reich, skrupellos, aber kein Verbrecher. Doch „Mörder“ ist nur eine Metapher für den Niedergang einer Kultur der Mitmenschlichkeit. In abgefeimter Weise verspricht Trump, der Erlöser der Armen und Abgehängten von genau dem System zu sein, dessen Nutznießer und Repräsentant er selbst fast idealtypisch ist. Und sie glauben ihm  – nach jahrzehntelanger medialer Gehirnwäsche. Daß sie Hillary und dem „System“ nicht trauten, kann man allzu gut verstehen – daß sie aber gerade Trump glauben, verdeutlicht, daß die Massen nicht nur in den USA so etwas verloren haben wie den zivilisatorischen und vernunftmäßigen Kompaß. Sigmund Freud. in seinen kulturtheoretischen Schriften ein Diagnostiker moderner Gesellschaften, schrieb 1922, in dem Jahr, als Mussolini auf Rom marschierte, in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“, durch die bloße Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse steige der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab.

Die Organisationsform der trumpistischen Massen war nicht die Partei wie in analogen Zeiten Mussolinis oder Hitlers, sondern die sozialen Medien. Dort konnten sie sich virtuell versammeln, austauschen und ihre Ressentiments, ihre Wut, ihren Haß, befeuert von ihrem gelbschöpfigen pausenlos twitternden  Messias, ins Unsägliche hochschaukeln. Das Individuum in der Masse, so Freud an anderer Stelle, „ist ebenso intolerant wie autoritätsgläubig“. Was die Masse von ihren Helden verlange, sei Stärke, selbst Gewalttätigkeit. „Ins Gefängnis mit ihr!“ schrien  die Trumpenproleratier und „Tötet sie!“. Das klang fast wie das „Kreuziget!“ in der Matthäuspassion. Gemeint war Hillary Clinton, die sich quasi gotteslästerlich anmaßte, als Frau die westliche Welt zu führen. Freud kennt sich aus in der „magischen Macht“ von Worten und schlußfolgert:. „Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten können.“ Wahrhaftig  – einen „Wahrheitsdurst“ seiner Follower mußte Trump nie stillen in der neuen Post-Truth-Welt. Die Illusion des „Make America great again“ reichte, und der Slogan war dabei nicht simpler als das „Yes we can“ seines Vorgängers.

Der Begründer der Psychoanalyse mag nicht nur an Mussolini gedacht haben und seine diversen Imitatoren, sondern auch an religiös inspirierte Massen und ihre Führer. Einer wie Khomeini, Bin Laden oder der IS-Kalif Al Bagdhadi sind bei ihm schon utopisch vorweggenommen. Marine Le Pen und Frauke Petry möchten es ihnen, was die Massenwirksamkeit betrifft, nicht die Inhalte natürlich, gerne nachmachen. Kaczinsky und Orban sind schon auf der halben Strecke ihres Weges. Es geht auch immer um einen Glauben, etwa den an das „Volk“, bei einem Rassisten wie Trump um den Glauben an die gottgewollte Überlegenheit der weißen Rasse, genauer: des weißen Mannes. Auch die weißen Frauen, die mehrheitlich Trump wählten, glauben offenbar daran, daß der weiße Mann der natürliche Herr der Welt ist, wie schon in der Bibel und im Koran zu lesen ist.

Jede moderne Massen-Demokratie muß Vorsorge treffen, daß die Massen nicht aus dem Ruder laufen. Das amerikanische Wahlsystem sollte nach dem Willen seiner Schöpfer genau dem vorbeugen. Nicht die von Demagogen verführbaren Massen sollten direkt ihren Präsidenten bestimmen, sondern Wahlmänner als Puffer sollten irrlichternde Massen abschirmen und der politischen Vernunft zu ihrem Recht verhelfen. Das funktioniert ganz offensichtlich nicht mehr. Demagogen wie Trump können legal die Macht ergreifen und die Demokratie nach dem Gesetz des großen Ego zerstören. Dabei traten die Wahlregeln („The winner takes all“) nicht dem Demagogen entgegen, sondern sie begünstigten ihn. .

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Eine Antwort zu Dreht Amerika durch?

  1. Anonymous schreibt:

    die Wahlmänner hätten immer noch die Wahl

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