„Gelenkt“ oder „illiberal“ – oder doch gleich Kalifat

Über Ursachen und Folgen des gegenwärtigen Abschieds von der Demokratie Amerikas, wie wir sie zu kennen glaubten, wird in diesen Tagen viel nachgedacht und geschrieben.  Daran, daß die Demokratie gänzlich verschwinden und einem seit Jahrhunderten nicht mehr Dagewesenen weichen könnte, wird weniger gedacht, wie man denn dem äußersten Schrecken, wenn er seinen Schatten um die Ecke wirft, ungern direkt ins Gesicht schaut. Immerhin wagte der seit 1992 in den USA lebende, bosnisch-stämmige Schriftsteller Aleksandar Hemon in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG einen Blick in den Abgrund: „Seit dem Aufstieg des europäischen Faschismus in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ist nichts Vergleichbares passiert. Die Wahl von Trump bedeutet das Ende von Amerika als liberaler Demokratie, vielleicht das Ende von Amerika selbst. Es ist kein ernst zu nehmendes Land mehr.“

 Dem letzten Satz wäre zu widersprechen. Nicht nur ernstzunehmen wäre Amerika zukünftig, sondern zugleich furchterregend. In diesem Sinne schreibt die US-Autorin Lauren Groff: „Wir sollten uns fürchten vor Donald Trump,“ fährt aber trotzig fort: „Aber wenn es darum geht, auf eine  solche Katastrophe zu reagieren, bleibt nur die Wahl zwischen Kampf und Flucht. Wir werden kämpfen.“ Das klingt nach Bürgerkrieg oder zumindest nach Aufständen wie in der Siebzigern gegen den Vietnamkrieg. Waren die Proteste, die sich zaghaft am Tag nach der Wahl artikulierten die ersten Anzeichen für eine neue Rebellion der Jugend?

Gar nicht mehr unrealistisch erscheint das Szenario, daß im Windschatten der Machtergreifung der Canaille im Mutterland der Demokratie im anderen Mutterland, in Frankreich, demnächst Marine Le Pen ins Èlisée einzieht und daraufhin nicht nur Frankreich aus der EU austritt, sondern ganz Europa in Machtlosigkeit zerfällt und sich heillos zwischen den Dioskuren Trump und Putin ausgeliefert sieht. Jetzt schon ermahnt man Angela Merkel, kraftvoll und klug, wie sie nun mal ist, die Führung der Europäer zu übernehmen. Ist sie damit realistischerweise überfordert, bieten sich zwei schon erprobte Alternativmodelle von „Demokratie“ für Europa an:

Einmal die „gelenkte Demokratie“, wie sie Putin in seinem Reich mit freudiger Zustimmung der Massen lupenrein praktiziert; sodann die „illiberale Demokratie“, die sich der Herrscher der Magyaren, Orban, gegen die Vorwitzigkeit der intellektuellen „Eliten“ ausgedacht hat und gegen die seine Massen wiederum wenig einzuwenden haben. „Demokratien“  nennen sich die beiden Herrschaftsformen mit einem gewissen, wenn auch fragwürdigen Recht, weil sie unterstellen, Demokratie meine die Herrschaft der Mehrheit über Minderheiten und nicht etwa Schutz von Minderheiten vor der Willkür und dem Unterdrückungs- ja Vernichtungswillen der Mehrheit bzw. der „Massen“. Alles eine Definitionsfrage.

Joshua Cohen, ein jüdischer US-Autor, erkennt in seinem Land resigniert die Bereitschaft, den in der Wahl Trumps artikulierten Willen des amerikanischen Volkes, Haßrede, sexuelle Übergriffe, Massendeportationen, Einwanderungsbeschränkungen aus religiösen Grunden als legitim anzusehen. Deshalb erinnert ihn der 9. November 2016 an den 9. November 1938 („Reichspogromnacht“). Daß sich so viele, der DREIZACK eingeschlossen, in diesen Tagen an europäische Ereignisse der 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts erinnern, kommt nicht von ungefähr.

Am Ende bleibt aber der Trost, den uns der wahrhaft prophetische Michel Houellebecq für die so undurchsichtige wie ängstigende Zukunft geschenkt hat. In seinem Roman „Die Unterwerfung“ wird die Machtergreifung von Marine Le Pen dadurch verhindert, daß die Franzosen die Macht in die Hände eines moderaten Muslims legen und ohne Gegenwehr zusehen, wie dieser Frankreich in ein europäisches Kalifat verwandelt. Der Rest Europas könnte sich dem – spinnen wir mal den Faden weiter –  anschließen und wäre, so wieder geeint, sowohl vor den Unzumutbarkeiten Putins wie vor Trumps Visage und seiner unerträglichen Suada halbwegs sicher.

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