Zurück in die Zukunft – reloaded

Wenn immer ein Science-Fiction-Roman oder -Stück eine Zukunft beschrieb, war es für die Nachgeborenen interessant zu beobachten, wieviel Zeit verging, bis die Gegenwart des Autors – sagen wir George Orwell im Jahr 1948 – die Zukunft, die er als „1984“ beschrieb, wirklich eingeholt hat. Dieses Zeitintervall faßt der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl in die Formel t(sf). In Orwells Fall wären das 36 Jahre (t/sf)=36, hätte sich denn England zu dem totalitären Staat entwickelt, den Orwell beschreibt – um dabei zu helfen, ihn zu verhindern. Was bekanntlich auch gelang. Aber eins zu eins gehen positive oder auch negative Utopien (Dystopien)  nie auf. Elemente jedoch können von denen, die in der entworfenen Zukunft leben, häufig ausgemacht werden. So in diesen Tagen.

In der Film-Trilogie „Zurück in die „Zukunft“ (1985/90) gibt es den Schurken Biff Tannen, und der sei schon in den 80er Jahren nach Donald Trump modelliert worden, schrieb Schwägerl wenige Tage vor der Wahl in der FAZ. Zwischen der imaginierten Figur und ihrem Erscheinen im Fleische lägen also gut 20 Jahre – t(sf)=20. Ein anderer Wert ergibt sich , wenn man von Orwell ausgeht. Dann ist t(sf)=68. Das dystopische Orwellsche Element, auf das hier Bezug genommen wird, ist als Newspeak oder Neusprech in die Literatur und ins öffentliche Bewußtsein eingegangen. Es geht dabei um das radikale Umdeuten, ja völlige Umdrehen geläufiger Begrffe wie Stärke, Frieden, Freiheit oder Wahrheit. Da heißt es etwa „Unwissen ist Stärke“ (statt „Wissen ist Macht“), Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei etc. Die Leute sollen das glauben wie einen Katechismus. Nachfragen ist wie bei Allah, seinem Propheten und anderen Vertretern dieser Gattung nicht erlaubt.

Dieses nicht nur von Trump, aber von ihm am eindrucksvollsten repräsentierte Phänomen beweist Schwägerl zufolge, daß wir in einer post-modernen, post-faktischen „Sattelzeit“ leben, im DREIZACK und auch woanders Postfaktizismus genannt. Fasziniert hörten wir zu, daß bei Trumps Auftreten hartnäckig wiederholte Lügen sich vor unseren Ohren in „gefühlte“ Wahrheiten verwandelten. Wurden seine Wähler darauf angesprochen, antworteten sie regelmäßig, auf sog. „Wahrheiten“ komme es doch nicht an. Und „Fakten“ wie die dokumentierte Herabwürdigung von Frauen, denen man ungestraft an die „Pussy“ fassen dürfe, seien völlig unwichtig und überhaupt der ganze Genderismus eine Grille der Heuchel-Eliten. Wenn Schwägerl von „Sattelzeit“ spricht, benutzt er einen geschichtsphilosophischen Begriff, das Bild von einem Bergsattel , hinter dem, wenn man ihn erreicht, man in eine ganz andere Landschaft tritt. Auf der Südseite schien die Sonne und die Landschaft leuchtete, nördlich vom Sattel brauen sich Wolken zusammen, und ein Gewitter droht. Es geht aber auch umgekehrt.

Trump, der keine Bücher liest, hat auch Orwell nicht gelesen, aber sein Instinkt  für die trumpistischen Bedürfnisse sagt ihm, er müsse den Massen, die ihm zujubeln, nur die verhaßten Formeln der political correctness im Hirn umdrehen, und schon wird aus Rassismus Nächstenliebe und aus Verachtung für den White Trash Engagement für die zu kurz Gekommenen. Daß gesellschaftliche Diskurse dieser Art, gepuscht von Medien wie FOX  NEWS, nur zum Zusammenbruch aller für Demokratie konstitutiven Rationalität führen müssen, liegt auf der Hand. Um Rationalität, um Argumente sich zu kümmern, hält der Trumpist für absolut kontraproduktiv. Das „Volk“ bzw. der aufgewühlte Bodensatz der Gesellschaft, ist noch nie geschult worden in rationalen Diskursen. Wer in sie gerät und nicht antworten kann, schlägt zu. Und so geschah es. Die Wahl des 8. November war ein riesiges Angstschlag-Ereignis. Blinde Wut muß übersehen, daß die, die immer die Republikaner wählen, genau das System immer wieder an die mageren Brüste nahmen, die ihnen die Depravation bescherten. Demnächst wird es keine Krankenversicherung mehr geben für die Mittellosen. Das System, das auch Hillary Clinton nicht verändert hätte,  wird in der Trump- Ära nicht menschlicher. Wie sollte es? Bernie Sanders hatte keine Chance in einem Amerika, dem nichts so heilig ist wie die Freiheit zum eigenen Untergang. In Freiheit krepieren dürfen, ist auch eine Errungenschaft. Darauf sind sie stolz, die Amerikaner, von denen kürzlich jemand schrieb, sie sähen zwar aus wie wir, sprächen auch wie wir, seien aber völlig anders. Ein Volk von einem Planeten, dessen waffenstarrende zivile Massen zurück in die Fünfziger und Sechziger streben oder – besser noch – in die Zeit der Eroberung des Wilden Westens. Das Gemeinste an Hillary, sagte einer, der Trump-Schilder schwenkte, sie ihre Absicht, ihnen die „guns“ wegzunehmen. Und ohne „guns“ kann man im Wilden Westen nicht überleben. The Donald wird sie ihnen nicht nur lassen, sondern sie vermehren.

 

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