Also sprach das Volk…

…und legte beredt Zeugnis ab vom Ende der Demokratie, wie wir sie kannten. Nachdem es in Italien (Berlusconi), Ungarn, Polen, Großbritannien (Brexit) und auch in der Türkei deutlich gemacht hatte, daß es die Bevormundung durch die, die sich einbilden, den Lauf der Welt zu kennen, nicht mehr hinnehmen will, schickte es den bisher groteskesten und daher um so wirkungsvolleren Repräsentanten des inhaltsentleerten Hasses auf eben das „System“, das sich als „Demokratie“ verstand, ins Gefecht. Und wir stehen da und dürfen noch nicht einmal unser Entsetzen über den Pussy-Greifer an der Macht artikulieren, weil die Stimme des Volkes, nach den Regeln der nun verendenden Demokratie, uns fast so heilig zu sein hat wie die Stimme Gottes.

Die Fassungslosigkeit ist so grenzenlos, weil dieses Ergebnis, an dem Frauen,  Latinos, Schwarze mitgebastelt haben, uns das Verschwinden jeder Logik und Vernunft, jedes Anstands und jeder zivilisierten Umgangsform aus den menschlichen Diskursen vor Augen geführt hat. Zum Wahlverhalten jener weiblichen und farbigen „Minderheiten“ kann nur hintergründig spekuliert werden – etwa derart,  daß bei ihnen der Haß mit Selbsthaß  legiert war. Das weiße männliche Trumpenproletariat, zu dem die USA insgesamt zu verkommen scheinen, kann es nicht allein gestemmt haben – das Projekt „BDSM in der Politik“. Das bedeutet Fesselung (Bondage) jeder Vernunft, Dominanz der brutalen Obszönität, Sadismus gegen die Feinde, Masochismus gegen uns selbst. Antifeministen jubilieren: „Wir glauben an den Mann, der sich das Recht anmaßt, alle Frauen jederzeit  an die Pussy zu fassen.“ So seien die Frauen nun mal – Masochistinnen im Grunde, die immer wieder mal kräftig durchgevögelt werden wollten. Fotzen eben.  Und deshalb sei es mehr als gerechtfertigt, daß eine Frau darin gehindert wurde, ein solch mächtiges Amt zu erwerben. Die Imame dieser Welt klatschen heftig.

Daß der latente und offene Sexismus und Antifeminismus im „Volk“ eine viel größere Rolle spielt, als uns die mediale Parallel-Wirklichkeit vorspiegelt, ist als Erkenntnis vielleicht ein Schlüssel zum Begreifen dessen, was am 8. November 2016 mit unabsehbaren Langzeitfolgen (etwa für das Weltklima und die Sicherheit im nuklearen Zeitalter) passiert ist. Die Parallele Weimar und 1933 drängt sich auch für die auf, die solche Beschwörung des äußersten Schreckens als diskurstötend lieber vermeiden. Auch damals protestierte das „Volk“ gegen ein „System“, die verhaßte dekadente westliche Demokratie, und wollte den Außenseiter an der Macht, der keine Regel respektierte, dessen Reden und Schriften vor Haß und Lüge trieften – eben weil er anders war als die „politische Klasse“.  Auch „1984“, das Buch, bietet sich erhellend an. Lüge wird Wahrheit. Wir müssen neu denken und sprechen lernen, wenn wir nicht unter den tödlichen Verdacht geraten wollen, zum „System“ zu gehören.

Aus dem Chaos und dem Schrecken der Wahlnacht wird ein neues System entstehen: der Trumpismus. Wie weiland der Führer machte Trump während der vergangenen Monate keinen Hehl daraus, nach welchen Prinzipien es funktionieren wird. Die ihn wählten, wußten, wen und was sie wählten. Sie werden keine Ausrede haben. Aber wir Europäer müßten uns, wenn wir es denn könnten, von den USA als Freund und Partner verabschieden. Schon aus Selbstachtung. Wenn wir in das haßverzerrte Gesicht Trumps blicken, müßte uns, hätten wir unsere Sinne beisammen, Ekel und Angst ergreifen. Auch wenn das kein demokratischer Umgang ist.

Nichts wird mehr so sein, wie es war.

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