Gläubige und Verbrecher

Von alldem, was über Dschaber al-Bakr bekannt ist, erregt ein Detail die Medien erstaunlicherweise am wenigsten: daß er in Berlin von einem Imam zum künftigen Märtyrer „erzogen“ wurde. Er wurde religiös, was er vorher angeblich nicht war, und glaubte schließlich, seinem Propheten und Allah seinen Märtyrer-Tod schuldig zu sein. Seine Motive, zur Selbsttötung und zum Massenmord zu schreiten, waren keine kriminellen.

Für eine Kriminellen hielten ihn aber offenbar die sächsischen Behörden und behandelten ihn wie einen solchen. Von der politischen Führung bis hinunter in den Bereich der Vollzugsbeamten bzw. ihrer Zuarbeiter (Psychologen) läßt sich ein Nicht-Verständnis bzw. eine Akkumulierung blinder Flecken unterstellen, was das Spezifische des islamischen Verständnisses vom Wert des Lebens und der Treue zum Gesetz (Scharia) betrifft. Wie sollte es auch anders sein? In jedem Statement nach einem Terroranschlag zeigt sich die an Schwachsinn mahnende Ignoranz derer, die das Mantra Das-hat-mit Religion-nichts-zu-tun vor sich hertragen. Wer den Koran aufschlägt, wird an vielen Stellen die Mahnung finden, das irdische Leben sei ein Unwert und erst im Paradies finde der Mensch den Sinn und die (vor allem sinnlich konnotierte) Daseinsfreude, die er hier vergeblich suche. In der christlichen Kultur gibt es den Gedanken vom „irdischen Jammertal“ und der Erlösung zum ewigen Leben natürlich auch, aber gegenwärtig sehr abgeschwächt durch jenen  „Hedonismus“ und Materialismus, den die Muslime verachten. Sie sind stolz darauf, daß ihre Religion eine Religion des Todes ist und sie so auch wappnet gegen Feigheit im Kampf.

Das Mißverständnis besagter Politiker und Behörden besteht ganz offensichtlich darin, den Islam für eine Religion wie andere, insbesondere die christliche zu halten, was für die Theologie sogar zutrifft, ganz und gar aber nicht für die religiösen Lebenswelten der Gegenwart. Das Christentum wurde ins Private zurückgedrängt und fristet dort ein kärgliches Dasein; der Islam stiftet hingegen die lebendige Gemeinschaft, in deren Dienst sich die Individuen stellen. Er ist etwa im Freitagsgebet öffentliche Demonstration des Gemeinschaftsgefühls. Abweichungen werden streng geahndet. Die schlimmste Sünde wäre der Atheismus, inzwischen zumindest in den gebildeten Schichten des Westens die dominierende Haltung. In den ehemaligen sozialistischen Ost-Reichen war er sogar Staatsreligion mit lebendigen Göttern, die Stalin, Mao oder Ho tschi Minh hießen. Die waren unsterblich nur im Gedächtnis der Gläubigen.  Der real existierende Sozialismus kam ohne Paradies aus.

Nun gäbe es, um Salafisten bzw. Dschihadisten und ihre mörderischen Pläne zu verstehen, eine kulturelle Brücke auf den Fundamenten des Christentums und auch des Judentums, die den Gedanken an ein jenseitiges besseres Leben untilgbar in ihre theologischen Konstrukte eingebaut haben. Ohne zum ewigen Leben erlöst werden zu wollen, bräuchten wir keinen Erlöser. Um dieser Sache Willen ist Jesus gestorben. Der Tod, so hieß es hernach, war besiegt. Die Möglichkeit der Todesüberwindung steht, schreibt Paulus im Römerbrief, allen vor Augen: „Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.“

Seit dieser Gedanke in der monotheistischen Welt ist (auch die Juden integrierten ihn), gibt es den Folgegedanken des Märtyrertums. Ihn haben die Muslime in einer sehr speziellen Weise und ziemlich radikal interpretiert. Um die technologisch-militärische Übermacht der Kolonialmächte im 20. Jahrhundert zu überwinden, bedurfte es einer neuen Waffe: den lebendigen Menschen als Bombe, gesteigert als großes Flugzeug. Eine solche Waffe sein zu wollen, hatte offenbar der heilige Mann, der Imam in der Berliner Moschee, dem al-Bakr als erstrebenswertes Ziel im Geiste Allahs nahegebracht. Indem er fromm wurde, wollte er Ungläubige töten gemäß der Sure 2, 191: „Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt.“ Und er hoffte wohl auch auf die Wahrheit des Verses 158 in Sure 3: „Wenn ihr sterbet oder erschlagen werdet, werdet ihr zu Allah versammelt.“

Einem gläubigen Christen dürfte es nicht schwerfallen, Glauben, Denken und Handeln des Dschaber al-Bakr nachzuvollziehen. Aber wo gibt es sie noch in den Amtsstuben und unter Richtern, Psychologen und Gefängniswärtern – die „Gläubigen“? Gar im Osten! Dort war er zuerst einmal ein mutmaßlicher zukünftiger „Mörder“, ein Verbrecher wie andere. Bei Lichte besehen, ist es nicht der Islam als solcher, sondern das religiöse, präziser: monotheistische Denken, das dem Terror, wie er jetzt über uns gekommen ist, eine Rechtfertigungsgrundlage gibt. Die ganz spezielle realitätsverweigernde „Dialektik“ der Muslime rechtfertigt sogar die Bestialitäten des IS: Auch Mohammed ließ alle Männer des jüdischen Stammes der Banu Quraiza in Medina öffentlich köpfen und ihre Frauen als Sexsklavinnen an seine Gefolgsleute verteilen.

Wenn wir die genuin religiösen Wurzeln des islamistischen Terrors übersehen, verleugnen, kleinreden, wird unsere Abwehrstrategie löchrig, fehlerhaft oder gar dilettantisch wie in Leipzig sein. Es kommt darauf an, den Islam in seiner heutigen Gestalt zu kennen und nicht abwehrend die Existenz „fortschrittlicher Kräfte“ zu beschwören, sondern das Massenphänomen, den „Volksislam“ begreifen,  der aufgrund seiner „volks-theologischen“ Grundsätze, die den Koran wörtlich nehmen, jederzeit zur äußersten Gewalt greifen kann. Entsprechend faßt der Islamwissenschaftler Ludwig Ammannn seine Mohammed-Forschungen zusammen: „So ist es also Gewalt, die dem Propheten im Unterschied zu anderen Anbietern monotheistischen Sinns zum Erfolg verhilft .“

 

 

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