„Postfaktizität“ – wie bitte?

Donald Trump ist der Held des postfaktischen Zeitalters – der „Post-Truth Era“, wie sie in den USA heißt. Es komme nicht mehr darauf an, was „der Fall“ sei (Wittgenstein), sondern was man fühle. Darin wollen sich die Leute bestätigt sehen. Deshalb lieben sie Trump.

Aber neu ist das alles nicht – oder? Hat es je ein Zeitalter gegeben, in dem es auf „Fakten“, auf „Wahrheit“ ankam? Die Philosophen behaupten, es ginge ihnen um „die Wahrheit“. Nietzsche hatte da seine skeptischen Einwände. Daß es um „Wahrheit“ geht, sagen auch die Gläubigen jeder Religion. Die Offenbarungen, auf die sie sich beziehen, seien – so wenigstens bis heute die Muslime – Auskünfte eines „wahren Gottes“, dem Propheten per Engel mitgeteilt, und die könnten nicht „falsch“ sein. Lügen und Verfälschen sei vielmehr das Geschäft der Ungläubigen. Sie würden ihre Quittung als ewige Höllenunterkunft erhalten. Die künftigen Höllenbewohner wiederum, als christliche Theologen, sind überwiegend vorsichtig geworden mit ihrem Wahrheitsanspruch. Sie wehren sich weniger gegen die Wahrheitsanprüche anderer Religionen als gegen die der Atheisten. Diese behaupten nun wie der DREYZACK, die Gläubigen aller Religionen seien die eigentlichen Postfaktizisten – immer gewesen. In den Anhängern Trumps, den Trumpisten, erlebten sie sich nun als Zeitgenossen einer Moderne, die nicht mehr auf Heilige Schriften angewiesen seien. Es reiche ihnen der Glaube an Donald Trump und die versprochene Glorie Amerikas.

Wiederum Nietzsche hat den religiösen Glauben von den Anfängen des Homo sapiens bis zu Trump auf eine Formel konzentriert: „‚Glaube‘ heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist.“ Der Akzent liegt auf „wollen“. Das grandioseste und folgenreichste Beispiel des Postfaktischen ist 2000 Jahre alt: Der Evangelien-Bericht von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Das faktenfetischistische Herumdeuten freudianischer Atheisten, hier handele es sich um einen klaren Fall von Verleugnung und Verdrängung einer unerträglichen Tatsache, eines Fakts, nämlich des Todes dessen, der das Reich Gottes an Stelle des römischen aufrichten wollte, mag zwar in der Welt des Faktischen richtig sein – aber, so what? Wen interessiert das? Glaube kann eben nicht nur Berge versetzen, sondern auch kontrafaktisch die Welt verändern. Dies geschah. Und das allein zählt. Ebenso steht es mit der sog.  Parusieverzögerung. Christus sollte doch sehr bald in Glanz und Gloria wiederkommen (Markus 13, 24-27). Darauf richteten sich die frühen Christen ein, verzichteten gar aufs Zeugen von Nachwuchs. Wozu solchen? Aber dann fügte man sich und vergaß irgendwann irgendwie das Versprechen der Wiederkunft. Schließlich war es ja auch egal. Den Juden mit ihrem Messias geht es ja ähnlich. Und auch denen ist es mehrheitlich egal. Sollte Trump gewinnen und die Glorie ausbleiben, wird es seinen Jüngern auch egal sein.

Und die muslimischen Vettern? Sie brauchen weder diesen noch jenen Messias, obwohl sie Jesus den Titel belassen. Sie warten auf das Jüngste Gericht. Dann kommen die Guten ins Paradies und dürfen dort all das, was sie auf Erden nicht durften. Wer es besonders eilig hat und das Nicht-Dürfen hinieden nicht aushält, kann sich auch – so eine relativ neue Einrichtung – per Sprengstoffgürtel direkt in die Schöße von 72 Jungfrauen hineinkatapultieren. Mit dieser Variante des Postfaktischen hat der Islam ein Alleinstellungsmerkmal erworben, das ihm im Kampf mit den Feinden Allahs einen gewissen strategischen Vorteil sichert.

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