Der „Islamische Staat“ ist ein islamischer Staat

Diese These vertritt der französische Philosoph Philippe-Joseph Salazar in seinem Buch „Die Sprache des Terrors“. Der DREYZACK teilt sie. Die Dschihadisten sind demzufolge keine Bande von irrsinnig gewordenen Verbrechern und Mördern, sondern „der Dschihadismus ist eine religiöse Angelegenheit“, wie Salazar konstatiert. Im weit gefächerten Spektrum des Islam, den es, wie die bekannte Phrase lautet, als „den Islam“ gar nicht gibt, besetzt das „Kalifat“, wie Salazar den IS durchgängig nennt, einen beachtlichen und durchaus auch für die Welt jenseits des Krieges  gefährlichen Sektor. Die Attraktivität des „Kalifats“ verdankt sich lt. Salazar vor allem seiner an heiligen Texten geschulten Rhetorik und medienwirksamen (Internet) Bildersprache.

Salazar kritisiert an den westlichen Medien und an den Politikern Europas und der USA, daß sie die religiöse Dimension des Phänomens IS bewußt verleugnen. Man muß hinzufügen: dem Tabu des Religiösen zufolge verleugnen, weil Religion mit „solchen Taten“ nichts zu tun haben darf. Dazu sei der Begriff „Islamophobie“ erfunden worden mit der Folge, „daß jegliche Kritik am Islam als ‚Phobie‘ bezeichnet wird“, schreibt Salazar und fährt fort: „Dadurch reduziert man diese Kritik auf eine Art Geistesverwirrung oder mangelnde Anpassung an die herrschenden sozialen Normen. Logischerweise deutet man an, jede Analyse des Islam, die sich nicht a priori auf die Akzeptanz seiner sozialen und politischen Neutralität gründet, sei ein Anzeichen für diese Phobie. Was dabei vergessen und durch diverse Manöver kaschiert wird, ist die Tatsache, daß die Religion dadurch von jeglicher Verantwortung losgesprochen wird. Es geht in die Richtung, alles, was an Argumenten unerträglich erscheint, abzublocken.“

Diese Strategie haben sich sowohl die Muslime, „die friedlich unter uns leben“, als auch die Repräsentanten des Staates, in dem sie leben, zu eigen gemacht. Wer im „christlichen Abendland“ ein „christliches Menschenbild“ vertritt, kann gar nicht anders. Die deutschen Muslime etwa sind demzufolge nicht nur normale Staatsbürger mit bürgerlichen Rechten und Pflichten, sondern auch gläubige Anhänger einer Religion, die wie alle anderen Religionen samt Anhängern unter dem Schutz der Verfassung steht. Ob man es für wünschenswert hält oder nicht:  dieser Schutz gestattet es ihnen eben, in einer Parallelgesellschaft zu leben. Die Religionsfreiheit, ganz neutral ohne Ansehen der religiösen Inhalte und sakralen Praktiken betrachtet, muß geradezu eine Parallelwelt für strenggläubige Muslime wollen, denn nur darin sind die geschützt vor islamophoben Gruppen (Pegida) und Parteien (AfD) sowie vor der insgesamt nach „rechts“ driftenden Gesellschaft. Diese Gruppen müssen in der täglichen Berichterstattung als „xenophob“, als fremdenfeindlich gebrandmarkt werden, um einen zentralen Punkt ihrer Islamkritik zu unterdrücken: daß nämlich der Islam sich unterscheidet, ja unterscheiden will. Er praktiziert die Abgrenzung vom Unglauben als theologischen Kern seiner Dogmatik. Eine zunehmend säkulare Gesellschaft wie die westliche, diese Wüste aus Gott- und Sinnlosigkeit, aus Materialismus und Pornografie, zwingt einerseits die friedlichen Gläubigen zum Rückzug ins eigene „Neuköllner“ Milieu, andererseits die weniger friedlichen im Zweifel zum Aufbruch ins „Kalifat“. Eine Versöhnung mit der säkularen Welt bedeutete für den Islam aller Fraktionen Selbstaufgabe. Das Christentum hat diesen Schritt schon getan.

Religion in ihrer monotheistischen, auf Offenbarung beruhenden Form kann in der Moderne anscheinend nur dadurch ein Daseinsrecht behaupten, indem sie auf eine im irgendwie Transzendenten verankerte Ethik schrumpft nach dem Schema: Ohne Gott kann es keine Moral geben. Daß dies Unsinn ist, hat vor über 200 Jahren schon Kant gezeigt. Das Gegenteil läßt sich auch behaupten: Religionen haben bisher eine aus Vernunft und Mündigkeit erwachsene Moral blockiert. Ein solches kantianisches Angebot aber einem gläubigen Muslim zu machen, liefe fast auf dessen Verhöhnung hinaus. Seine Tradition hält Mündigkeit gegenüber Gott, die eine Aufkündigung des unbedingten Gehorsams, der Unterwerfung (=Islam) wäre, für eine Sünde, die ihn geradewegs in die Hölle brächte.

 

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Eine Antwort zu Der „Islamische Staat“ ist ein islamischer Staat

  1. Said schreibt:

    Sehr interessanter Beitrag. Doch sicher reduziert sich die Daseinsberechtigung moderner monotheistischer Religion nicht auf die schiere durch sie vermittelte Ethik. Die psychologisch zentrale Komponente ist die Regression in eine durch den (göttlichen) Vater gelenkte Welt. Die Fügung in ein von Gott gegebenes Schicksal sowie die Möglichkeit der bittenden und dankenden Kommunikation „nach oben“ reduzieren die Komplexität der Realität des Menschen drastisch, da wir nach reichlicher Anstrengung gemerkt haben, dass wesentliche Fragen auf immer und ewig unbeantwortet bleiben werden. Amen.

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