Islamophilie versus Islamophobie

Zu den Verteidigern der Islam gegen seine Feinde und Verächter gehören beileibe nicht nur Muslime und jene Christen, die Religion als solche von säkularen Strömungen bedroht sehen, sondern auch Wissenschaftler westlicher Provenienz, die, sprachkundig und faktenreich, die im Westen kursierenden Vorurteile über einen angeblich intoleranten und gewalttätigen Islam zurechtrücken wollen. Einer von ihnen ist der Münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer, dessen Großessay „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam“ im Erscheinungsjahr 2011 ein überwiegend positives Echo erfuhr. Endlich, so der Tenor der Rezensenten, befreit uns ein profunder Kenner vom islamophoben Müll, den ignorante Medien aber auch selbsternannte Islamkenner über uns etwa seit der Jahrtausendwende ausgeschüttet haben. Der seiner Meinung nach berechtigte Vorwurf, wir seien islamophob, weil wir nichts vom Islam wüßten und verstünden, beruht Bauer zufolge darauf, daß wir die Kultur der islamischen Welt mit der Religion identifiziert hätten. Wer aber etwa einen Blick auf die altarabische Literatur und ihren Nachhall in der Kultur des Islam werfe , müßte begreifen, daß Religion in der Welt zwischen Marokko und Indonesien etwa den Stellenwert habe, den sie im christlichen Kulturkreis hat. – Wir staunen. Alles ein Mißverständnis?

Was Bauer „Ambiguitätstoleranz“ nennt, die Fähigkeit, Vieldeutiges, scheinbar Widersprüchliches (Ambiges) auszuhalten und fruchtbar zu machen, etwa die Vieldeutigkeit des Koran zu akzeptieren, sei eine genuin arabische Tugend. Von wegen „intolerant“. Ambiguitätsintolerant sei vielmehr der Westen seit dem Triumph des Cartesianismus. Das westliche Denken sei bestrebt, Vieldeutigkeit zu eliminieren, die Logik des a=a zu etablieren. Fatalerweise sei die islamische Welt nach dem Sieg des Kolonialismus bestrebt gewesen, sich dem Westen als der scheinbar überlegenen Kultur anzugleichen.  „Man begann, sich der eigenen Tradition zu schämen“ (Bauer).  Es kam – so Bauer- zu einer „Neuschaffung des Islams als einer Ideologie“. Was wir heute als die Intoleranz, die „Ambiguitätsintoleranz“ der Muslime wahrnähmen und kritisierten, sei unsere eigene. Wir hätten sozusagen den ursprünglich offenen, aufgeschlossenen Islam zu dem gemacht, der heute die Welt vor Terrorfurcht zittern läßt. Die „Islamisierung des Islam“ (Bauer) gehe auf das Konto des Westens.

Apropos Terror. Bauer hält die diesbezügliche Angst auch für ein Mißverständnis. Er muß das tun, um seine zugrundeliegende These vom unverstandenen Islam lebendig zu halten.  Dafür opfert er auch auf die Gefahr hin, durchschaut zu werden, die historischen Fakten und die eigene Seriosität. Im Jahr 2011, nach 9/11, nach den Terrorakten von Madrid (2004) und London (2005) gelingt Bauer folgender Absatz: „Während man baskischen und korsischen Separatisten, auf deren Konto die überwältigende Mehrheit aller Terroranschläge in Europa geht, ein politisches Anliegen immerhin zugesteht, wird der Islamismus zur irrationalen, dämonischen Bedrohung stilisiert, mit der jede rationale Auseinandersetzung unmöglich ist.“

Der DREYZACK wagt die These, daß mit Experten wie Bauer und Konsorten eben jene „rationale Auseinandersetzung“ nicht stattfinden kann, weil sie den Geist der Kultur, die sie aus welchen Gründen auch immer verinnerlicht haben und die sie glauben verteidigen zu müssen, in ihren Abwehrgesten argumentationslos vor sich her tragen. Gesten lassen sich nur gestisch erwidern. Wenn Basken und Korsen mehr Unheil anrichten als Islamisten, erübrigt sich jedes als Argument gedachte Wort. Nur Kopfschütteln bleibt.

Aber es kommt noch schlimmer. Im vielleicht spannendsten Kapitel seines Buches widmet sich Bauer dem Sex. Völlig zu recht konstatiert er: „Sex wird (im Islam) als etwas uneingeschränkt Positives gesehen.“ Er gebe den Menschen einen Vorgeschmack auf das Paradies. – Dem „Menschen“? Bauers blinde Flecke verdichten sich. Nicht der  „Mensch“ ist in jenen Koranversen über den Acker gemeint, der nach Belieben und jederzeit zu pflügen sei, sondern der „Mann“. Ihn erwarten im Paradies die Jungfrauen mit wunderschönen Brüsten und Vulven. Er darf sich sein Recht zur genitalen Lust notfalls mit Gewalt sichern. Allah wie Gabriel wie Mohammed sprechen als Männer zu den Männern, wenn vom Sex die Rede ist. Die Frau ist dazu da, den Trieb des Mannes zu befriedigen. Außerdem ist sie außerhalb der ehelichen Norm eine tödliche Gefahr. Natürlich weiß Bauer das alles. Es ist ihm peinlich, wie den christlichen Theologen Paulus und Augustinus heute peinlich sind. Deshalb spart er es aus. So funktioniert Ideologie, die sich als Wissenschaft verkleidet, indem sie eine Überfülle von Faktenwissen über durstige Leser schüttet und den Rest verschüttet.

Auch scheinbar seriöse Autoren wie Thomas Bauer können das Diktum, der Islam gehöre zu Deutschland oder müsse nicht notwendig ein Fremdkörper sein, nicht beglaubigen. Im Gegenteil.  Was immer zu Deutschland gehören mag – auf keinen Fall ist es eine Kultur, die, ihrem Gott gehorchend, Frauen für minderwertig erklärt und ihnen einen Objektcharakter zuerkennt, der, wenn zu aufreizend, unsichtbar zu machen sei. Letztlich ist es die Geschlechterfrage, an der sich klärt, wie kompatibel eine Minderheiten-Kultur innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft sein kann. Nicht das christlich-abendländische Weltbild. Da wären sich Katholiken und Muslime schnell einig, wenn es um Mann und Frau ginge. Siehe Paulus und Augustinus.

 

wewalt

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