„Oversexed and underfucked“

Diese knackige Formel der Autorin Ariadne von Schirach könnte dem Betrachter der letzten Plasberg-Talkshow einfallen, die sich mit dem Burka- bzw. Niqab-Verbot  beschäftigte und eine mutige Niqab-Trägerin mit österreichischem Akzent als Gast eingeladen hatte. Schirach hatte vor 10 Jahren die sog. „Generation Y“ charakterisieren wollen, die, überflutet von sexuellen Informationen, Sexualität als wichtiges Kommunikations- und Selbstfindungsmedium verdrängt hat.

Für den gegenwärtigen Islam gilt diese Generationsanalyse als (Parallel-)Gesellschafts-Analyse in gesteigertem Umfang. Weil aber das Medium Fernsehen und das Format Talkshow eine Präzisierung bzw. Vertiefung aktueller brisanter Fragen nicht zulassen, ertrank die Debatte im pseudofeministischen Claudia-Roth’schen Wortschwall und den Versuchen, ihn einzudämmen. Daß es sich bei der Verschleierung aber zuallererst um ein religiös konnotiertes Sex-Thema handelt, um den Kernbestand des islamischen Menschenbildes, wurde, aus Unkenntnis oder einem Tabu gehorchend, wieder einmal ausgeblendet. Der Islam definiert den Mann als letztlich undisziplinierbares, wenngleich gottgefälliges Triebwesen, das im Schoß der Frau jederzeit seinen Acker bestellen darf; die Frau beschreibt er als seine gottgewollte, kraß objekthafte Versuchung mit höchstens schwächlich ausgebildetem eigenen Trieb. Er bringt sozusagen die Ordnung des Patriarchats, wie sie alle Monotheismen vertreten, auf den Punkt. Dies wirkt in der gegenwärtigen Welt so radikal anachronistisch, weil, anders als bei Juden oder Christen, säkular-humanistische Menschen- und Geschlechterbilder von den Gläubigen mehrheitlich als islamfeindlich abgewehrt werden.

Als Folge dieser Geschlechter-Asymmetrie bzw. -Apartheid im öffentlichen Raum, worin die sexuellen Spannungsfelder sich ins Unerträgliche aufladen können („Köln“), muß die Frau ihr Subjektsein aufgeben und das Objekt, das übrig bleibt, schamhaft verbergen – entweder im Haus oder als Schleier-Unperson auf der Straße. Weist man gesprächsweise Muslime darauf hin, daß in den öffentlichen Räumen der westlichen Welt Frauen keineswegs notorisch wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder überall im Maghreb belästigt, ja öffentlich vergewaltigt werden, beobachtet man jene plötzliche trotzige Verstockung, die ertappten Kindern oder Gläubigen eigen ist, denen ihr Glaube die wirklichkeitsgerechten Antworten vorenthält. Sich das eigene Denken und Urteilen verbietend, sind sie aber auf solche Vorgaben angewiesen.

So auch jene Niqab-Österreicherin bei Plasberg, die ihr Objektsein offenbar so schmerzlich empfand, daß sie sich den orthodoxen Regeln, damit umzugehen, unterwarf, ohne das Geschlechterbild der Religion, zu der sie konvertiert war, in Frage zu stellen. Das verbot ihr offenkundig der neue Glaube, dessen Formeln sie nachbetete, der ihrem Leben aber offenbar Halt gab, selbst wenn sie als weibliches Subjekt eliminiert wurde. Als ein Freund hätte man ihr statt zur Konversion in ein frommes Frauengefängnis lieber zur Psychotherapie raten sollen. Die Katholikin, die sie im früheren Leben gewesen war, hatte solche Freunde offenbar nicht. Den anderen war möglicherweise eine Konvertitin zu einer anderen Religion wohl immer noch akzeptabler als eine, die sich in die Hände eines gottlosen Freudianers begibt.

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