Vom monotheistischen Mythos

„Mythen antworten nicht auf Fragen, sie machen unbefragbar“ (Hans Blumenberg)

Auch in der muslimischen Welt gibt es fortschrittliche, der Wissenschaft und der Moderne gegenüber aufgeschlossene Denker. Aber wie die muslimischen Mystiker, die Sufis, haben sie niemals das Denken der Umma, der Gemeinschaft der Muslime,  über den Koran, seine Herabsendung an Mohammed, dessen Leben als Vorbild, über die Sunna, die islamische Überlieferung dominiert. Im Gegenteil. Sie wurden verfolgt, bedroht, mundtot gemacht, zur Flucht gezwungen oder gar getötet. Das Elend des gegenwärtigen Islam, wie er auch zu Deutschland gehören soll, verdankt sich vor allem der Eliminierung seiner kreativen Potentiale seit dem 13. Jahrhundert.

Das Beispiel des Ägypters Nasr Hamid Abu Zaid, der 2010 starb, mag zeigen, wie dramatisch der Abstand des islamischen Denkens etwa zur fortgeschrittenen Theologie des Westens  geworden ist, vom säkularen wissenschaftlichen Weltbild ganz zu schweigen. 1995 wurde Abu Zaid von einem Kairoer Gericht zum Apostaten erklärt. Aus den Anschuldigungen des Gerichts, die in der Urteilsbegründung enthalten sind, geht hervor, nicht nur, welcher Verbrechen sich der Verurteilte schuldig gemacht hatte, sondern auch, auf welchen Grundsätzen das offizielle Denken des wichtigsten Landes der arabischen Welt ruht.

Abu Zaid wurde vorgeworfen. 1. Er habe in seinen Büchern die reale Existenz bestimmter Wesen, von denen der Koran spricht, wie Engel und Djinn, geleugnet. 2. Er habe gewisse koranische Beschreibungen des Paradieses oder der Hölle als „mythisch“ klassifiziert. 3. Er habe des Text des heiligen Koran als einen „von Menschen geschaffenen Text“ dargestellt. 4. Er habe den Gebrauch der Vernunft zur Deutung von Vorstellungen befürwortet, die sich aus einer wörtliche Lektüre des Korantextes ergeben, um sie durch moderne Konzepte zu ersetzen, die menschlicher und fortschrittlicher seien. Seine rationalistische Auslegungsmethode wende er insbesondere auf Texte an, die sich auf Erbrecht, Frauen, Christen, Juden und Sklavinnen bezögen.

Wohlgemerkt, die in den Anschuldigungen erscheinenden Positionen Abu Zaids sind durchaus mit solchen gegenwärtiger christlicher Theologie kompatibel. Er leugnet weder die Existenz Allahs noch die Offenbarung durch den Erzengel. Er ist ein liberaler Moslem – und dennoch oder deshalb Apostat. Erst der Blick von außen, der des Religions-Wissenschaftlers oder des Atheisten erkennt das Dilemma. Es besteht in der notwendigerweise von allen Gläubigen zu leugnenden gegenseitigen Abhängigkeit von Glaube und Mythos, ja (in den Volksreligionen) in deren Einheit. Wenn etwa im Koran von Moses, Joseph oder Abraham die Rede ist, bedeutet dies für den frommen Muslim, daß Allah dem Mohammed über als historische verstandene Personen die wahre Kunde übermittelte, während die gleichen“Personen“ in den Schriften der Juden und Christen „falsch“ dargestellt würden. Muslimen ist um keinen Preis zu vermitteln, daß das ganze Personal, das den Koran wie Tora und in Teilen Neues Testament bevölkert, seinen Ursprung hat in einem grandiosen jüdischen, von älteren Kulturen befruchteten Narrativ, welche den einen Gott Jahwe möglicherweise sogar nach dem Vorbild des ägyptischen Aton konstruierte. Dieser Mythos entwickelte und verzweigte sich in den Jahrhunderten und gerann in den Dogmen von Juden und Christen zu dem, was wir „Religion“ nennen. Mohammed ist nun einer, der den allgegenwärtigen Mythos aufgriff, im Kontext seiner Kultur und seines Zeitalters fortspann und so die Voraussetzungen einer neuen Religion schuf, an der vieles, ja das meiste alles andere als „neu“ war. Am wenigsten der „Eine Gott“ oder der Jenseitsglaube oder das Jüngste Gericht. Was der Koran als originäre Offenbarungen ausgibt und was von den Muslimen bis heute so akzeptiert wird, sind zumeist fehlerhafte Kopien von Narrativen, die wir als Mythen zu klassifizieren wissen.

Wer wie der DREYZACK argumentiert, befindet sich allerdings nicht mehr im religiös-theologischen „Sprachspiel“ und distanziert sich, wie wohl deutlich geworden ist, nicht nur vom Islam. Wir verstehen „Mythos“ wie Hans Blumenberg in seinem Buch „Arbeit am Mythos. Auch mit Blick auf die Heiligen Schriften der Monotheisten sagt der Philosoph: „Die Geschichten, von denen hier zu reden ist, wurden eben nicht erzählt, um Fragen zu beantworten, sondern um Unbehagen und Ungenügen zu vertreiben, aus denen allererst Fragen sich formieren können. Furcht und Ungewißheit zu begegnen, heißt schon, die Fragen nach dem, was sie erregt und bewegt, nicht aufkommen oder nicht zur Konkretion kommen zu lassen.“

Der gegenwärtige Mehrheits-Islam repräsentiert ein solches System von Frageverboten und entsprechenden Drohungen auf dem Hintergrund eines uralten, im 7. Jahrhundert und darüber hinaus bis heute weitergesponnenen Mythos – den vom Einen Gott – in idealtypischer Weise. Er hat so den intellektuellen Anschluß an die moderne Welt nie halten können, deren technische Errungenschaften er sich gleichwohl zu eigen macht und, sofern es sich um tödlich Waffen handelt, in einer Weise einzusetzen in der Lage ist, die  den Rest der Welt beunruhigen muß.

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