Gotteslästerung

Noch im 17. Jahrhundert war für die klügsten Geister in Europa klar, daß die schlimmsten Gefahren für den Zusammenhalt der Gesellschaft und für ihr moralisches Gerüst vom Atheismus ausgingen. Nicht mehr von anderen Religionen drohten dem Christentum Unheil, sondern von der Gottlosigkeit. Es käme darauf an, so Samuel von Pufendorf (1632-1694), „mit allen Mitteln zu verhindern, daß der Atheismus sich ausbreitet“. Ein Jahrhundert später warnte Kant vor einem „Abgrund des Skeptizismus“. Er wollte neben den Ideen von Freiheit und Unsterblichkeit auch auf die Idee „Gottes“ nicht verzichten.  Dabei mußte „Gott“ gar nicht für „existent“ (etwa als Person) gehalten werden. Er schrumpfte zur „regulativen Idee“. Immerhin hinterließ er so eine Spur, die verschiedentlich befremdlich gedeutet wurde. Man sieht etwa an einem philosophischen Jungspund wie Markus Gabriel, daß es heute noch möglich ist, Kant für einen „tiefreligiösen Menschen“ zu halten, wenn man denn meint, ein Philosoph vom Range Kants könne unmöglich gänzlich vom überkommenen Glauben abgefallen sein. Ist er aber, zumindest was den Offenbarungsglauben etwa der drei Monotheismen betrifft. Übrig blieb bei Kant ein reichlich spröder Vernunftglauben, mit dem auch Humanisten oder Atheisten heute gut leben können. Und zwar in relativ friedlicher Koexistenz mit den Religionen – mit einer Ausnahme: dem Islam.

In der islamischen Welt konnten bis heute atheistische Gedanken keine Wurzeln schlagen. Etwa Atatürks Anhänger bezeichneten sich nicht als atheistisch, sondern als laizistisch. Erdogan seinerseits will die Türkei wieder in einen islamistischen Staat, letztlich eine Theokratie, zurückverwandeln. Darin hätten Atheisten kein Lebensrecht. Für Muslime erscheint die Leugnung Gottes das Absurdeste überhaupt. „Die Ungläubigen gleichen dem, der da anruft, was nichts hört als einen Ruf oder eine Stimme. Taub, stumm, blind, so haben sie keinen Verstand“ (Sure 2, 171).  Den Menschen als Resultat der Evolution anzusehen und nicht als Gottes Geschöpf, ist also Ausdruck elementarer Dummheit. Zu glauben, Gott zu erkennen heißt also, seinen Verstand zu gebrauchen. Dem würde etwa Benedikt XVI freudig zustimmen, ohne allerdings gleichzeitig die Atheisten für Idioten zu erklären. Mit dem religiös unmusikalischen Habermas konnte man ja ganz vernünftig diskutieren. Der Katholizismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandte sich – so in einer Enzyklika von 1907 – entschieden gegen eine mystisch infizierte, das religiöse Gefühl betonende, letztendlich irrationale Form der Frömmigkeit. Sie ist es aber, auf der sich heutige Christen zurückziehen, wenn sie etwa ihre am der Mystik orientierte und gegen den kalten Kirchen-Apparat gerichtete persönliche Frömmigkeit leben. Auch ein Muslim wie Navid Kermani rettet seine Gläubigkeit und damit seinen persönlichen Islam, indem er ihn auf den Sufismus schrumpft.

Das Lästern Gottes und schließlich der Nicht-Glauben sind als Möglichkeit des Entkommens in allen drei Monotheismen durchaus angelegt. Apostasie erscheint bei aller Bedrohung durch die Glaubenswächter gegenwärtig als befreiter Ausdruck der wahrgenommenen Absurdität. Aus dem Tertullian-Bekenntnis „Credo quia absurdum“ (Ich glaube, weil es absurd ist), ursprünglich ein trotziges Bestehen auf dem Wunder der Auferstehung,  wurde in den Augen der Aufklärer eine aufstampfende Kindergeste nach dem Muster: Ich will aber an Ihn glauben, da könnt ihr Erwachsenen noch so viel „vernünftige“ Argumente vorbringen.  Für das Kind ist es einfach schön, daß es den Weihnachtsmann gibt. Auch Gottesbeweise werden wieder aus dem religiösen Kinderzimmer herbeigeschleppt, sogar von Philosophen.

Aus alldem ist zu lernen, daß Rest-Christentum und Neu-Islam sich von zwei verschiedenen Seiten aus wieder aufeinanderzubewegen. Demnächst werden sie sich aneinander klammern und sich schwören, die Feinde ihres gemeinsamen Gottes zu bekämpfen, um sie, in der Sprache ihrer Theologen, schließlich dem Teufel zu überlassen. Was beide, Christentum und Islam, verbindet, ist das Verbot weiterzufragen, dem Philosophen Hans Blumenberg zufolge „das Verbot des Sinnlosen“. Blumenberg spricht von „Gottesstupidität“. Philosophie, die verpflichtet ist zum Weiterfragen bis in  die letzte Sinnlosigkeit, hat heute an die Offenbarungsreligionen keine Fragen mehr zu richten. Deshalb sind auch Gotteslästerungen und Religionsbeschimpfungen sinnlos. Übrig bleibt für das kritische Denken nur die Frage nach den Verheerungen, die der Glaube an den einen wahren Gott in den Hirnen anrichtet. Aus den Verheerungen der Köpfe könnte die Verwüstung des Planeten hervorgehen.

 

 

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