„Die klaffende Wunde in der arabischen Welt“

Was für eine drastische Metapher! Gefunden für seine Heimat, seine Kultur hat sie der Syrer Ali Ahmed Said, bekannter unter dem Pseudonym „Adonis“. Adonis, der sich mit den Wahl des Namens in den heidnischen Griechen quasi verwandelte, ist der bedeutendste Dichter der arabischen Welt. Um zu überleben, lebt er in Frankreich und schreibt Bücher über eben jene von ihm betrauerte Wunde. Zuletzt schrieb er eins über „Gewalt und Islam“. Dabei hat er nicht daran gedacht, ein Stichwortgeber für Marine Le Pen oder Frauke Petry zu sein. Vielmehr trauert Adonis über den Verfall seiner Kultur.  In ihr seien Religion und Macht eine Einheit geworden. Die islamisch-religiöse Kultur sei eine Kultur der Macht. Ein zugegebenermaßen sehr kleiner Teil dieser Machtkultur gehört angeblich zu Deutschland.

Diese Formel vom Islam, der „zu Deutschland gehört“ und eigentlich nur pathetisch überhöht, daß in Deutschland Muslime leben, entsprang dem, was Adonis das Mißverständnis und die Verwirrung des Westens nennt, und beides hält er für „beabsichtigt“. Psychoanalytiker würden von einer Verleugnungsstrategie sprechen, dem Schuldbewußtsein der ehemaligen Kolonisatoren und Missionare entsprungen. Der Westen, so Adonis, wollte die Probleme der Muslime, die der Geschichte des  Islam, der Religion selbst entsprangen, nicht sehen und auch nicht mithelfen, sie zu lösen.

Wie das? Mithelfen? Wäre das nicht eine neue Spielart der Kolonisierung? Ayaan Hirsi Ali forderte die Muslime auf, frei nach Luther eine Reformation zu wagen. Manche interpretierten dies als den Versuch, den Muslimen ihre Religion zu enteignen. Ginge etwas Reformatorisches im Islam überhaupt anders als im Christentum, das man in die Privatheit und die Echolosigkeit bannen konnte? Der weniger poröse, der deutlich rigidere Islam, der das tägliche Leben durchdringt, könnte das um den Preis seiner Weiterexistenz nicht zulassen. Auch wegen der inhärenten Gewalt, auf die Adonis sich bezieht. Diese Gewalt sei in der Geschichte schon immer vorhanden gewesen. Die koranische Saat der „Schwertverse“ ging ebenso wie der Geist der Kreuzzüge auf. Auf diesem Boden, als Konsequenz dieser Überlieferung entstand auch der Islamische Staat. Keineswegs gilt für ihn, daß er sich nicht einer berechtigten Lesart des Koran verdankt.

Adonis‘ Rede von der „klaffenden Wunde“ bezieht sich auf ein theologisch vermitteltes Phänomen, das wir gerade wieder beim Papst auf der Suche nach den Diakoninnen der frühen Christenheit beobachten. Der Glaube bezieht sich immer auf einen als mythischen nicht durchschauten „Ursprung“. Das Ursprüngliche ist das Wahre, das Verbindliche. Im Islam heißt der Ursprung „Medina“. Ein Denken, das immer nur auf die Vergangenheit gerichtet ist, meint Adonis, sei eine Katastrophe. kulturell obskur, menschlich brutal und moralisch erniedrigend. Eine emotionale und geistige Verwundung.

Die Konsequenz: „Es gibt keinen kulturellen und zivilisatorischen Platz außerhalb des Islam. Das glauben viele, die den Islam radikal interpretieren. Das ist die wortwörtliche Übernahme dessen, was in den Texten steht. Es gibt keine Subjektivität in der islamischen Kultur. Subjektivität bedeutet, daß du frei denken kannst, eine Identität hast und daß du diese Identität offen darlegen kannst. Die Existenz des muslimischen Ich manifestiert sich nur in der Gruppe.“

Wahrlich eine islamophobe Suada, die denen, denen vielleicht die Islamisierung noch bevorsteht, einen Schauer über den Rücken schicken müßte. Aber sie wollen daran nicht glauben und vertrauen auf die Schwäche, die Zerrissenheit der islamischen Welt. Allem Anscheint nach und auch im Sinne der Adonis-Interpretation seiner Kultur haben sie recht. Nur ist die Kraft der säkularen westlichen Welt gerade auch nicht gerade herkulisch, wenngleich es das Säkulare ist, das sie stark macht. Ein Rückfall in den religiösen Obskurantismus jeglicher Couleur würde sie entscheidend schwächen..

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