Unheiliges Dreigestirn

Über die geistig-politische Nähe von Putin und Erdogan ist schon viel geredet und geschrieben worden. Das Denken in Großreichs-Kategorien und Begriffen wie „gelenkte Demokratie“ wird sowohl in Moskau wie in Ankara überwölbt oder, wenn man will, verklammert von einer religiösen Ideologie, die als reaktionär-fundamentalistisch zu bezeichnen nicht unangemessen scheint. Sowohl im sunnitischen Islam, wie ihn Erdogan vertritt, wie in der christlichen Orthodoxie des Ostens, wie sie Putins Patriarch Kyrill I. repräsentiert, findet sich eine geifernd-kämpferische Distanz zur aufgeklärten westlichen Moderne, deren Projekt angeblich die „Hölle auf Erden“ (Kyrill) ist..

Dabei zeigt sich beim Thema Geschlechterverhältnis, von dem aus die Struktur einer Gesellschaft als offen oder geschlossen, liberal oder autoritär, lebendig oder erstarrt am sichersten deuten läßt, daß die Nähe von Islam und Orthodoxie weitaus größer ist als die zwischen der progressiven Fraktion der westlichen Christenheit und den östlichen Brüdern. Schon 2001 hatte der Erzbischof von Taschkent und Mittelasien, Wladimir, bekundet, daß es zwischen dem „wahren“ Islam und dem orthodoxen Christentum weniger theologische Differenzen gibt als zwischen Orthodoxie und Protestantismus. 2014 erklärte Kyrill  beim Weltkonzil des russischen Volkes, alle Orthodoxen würden den westlichen amoralischen Werten widerstehen, die dem göttlichen Gesetz widersprächen. Es freue ihn sehr, so der Patriarch weiter, „daß sich unsere muslimischen Brüder zu derselben Position bekennen“.  Kyrill zeigt Verständnis dafür, daß gläubige Menschen zu Terroristen würden, „weil sie in einer Gesellschaf leben wollten, wo der Glaube im Zentrum steht, wo religiöse Gesetze herrschen, im Unterschied zur heutigen weltweiten Zivilisation, die gottlos ist, säkular und in ihrem Säkularismus auch radikal“. Vor dem UN-Menschenrechtsrat hatte Kyrill auf den entscheidenden Punkt gedeutet: „Was wir nicht akzeptieren können, sind juristische Ansätze in bezug auf die Rolle von Mann und Frau, die Beziehungen zwischen Mann und Frau und Kindern und den Status homosexueller Lebensgemeinschaften“. Um dieses Thema kreist der überwiegende Teil der gegenwärtigen theologischen Diskurse. Warum ist das so?

Eine halbwegs befriedigende Antwort auf diese Frage setzt eine andere Antwort voraus – nämlich die auf die Frage, warum alle Religionen durch und durch sexualisiert sind, warum überall der Geschlechterunterschied der Unterschied ums Ganze zu sein scheint. Dabei gibt es feine Differenzen. Der islamischen Lehre zufolge sind alle Frauen gottgewollt intellektuell minderbemittelt, glaubensschwach und auf männliche Führung angewiesen. In der jesuanisch-paulinischen Ursprungslehre sind alle Menschen vor Gott gleich. Jesus übermittelte zuerst Frauen die Kunde seiner Auferstehung. Mit Maria aus Magdala pflegte er anscheinend ein privilegiertes Verhältnis. Aber sehr früh machten sich christliche Männer (auch Paulus) daran, den weiblichen Anteil an der Ausarbeitung und Verbreitung des neuen Glaubens abzuschwächen oder gar zu eliminieren. Der christliche Mainstream entpuppte sich als „malestream“.

Feministische Theologie hat hierzu einige Erkenntnisse beigetragen. Im Endeffekt kann man, was die Geschlechterfrage angeht, zwischen Christentum und Islam in langen Jahrhunderten nur noch marginale Differenzen wahrnehmen. Allerdings könnte, wie die amerikanische Theologin Sarah Coakley in ihrem Buch „Macht und Unterwerfung“ bemerkt, Jesus der „männliche Bote sein, um patriarchale Werte leer zu machen“. Dann gäbe es allerdings wieder eine signifikanten Gap zwischen Christentum im Sinne seines Stifters und Islam im Sinne von dessen Stifter. Der hat Jesus im Koran zu einer nachgerade lächerlichen Figur geschrumpft, die als Neugeborener bekennt, Muslim zu sein (Sure 19,30f), sonst aber nichts Bemerkenswertes vollbringt, außer Allah als den zu bekennen, dessen Sohn er nicht ist.

Die christliche Kirchengeschichte der ersten Jahrhunderte hat allerdings eine patriarchalische Ideologie hervorgebracht, an die Mohammed andocken konnte, als seine Zeit gekommen war. Sein Machismo, seine manifeste Frauenverachtung entsprechen dem Christentum seines Jahrhunderts und eigentlich bis jetzt, wenn dieses sich auch gewisser Exzesse („Prügelt eure Frauen, wenn sie keine Lust auf euch haben!“) enthält. Die weibliche Objektrolle, die gleichzeitig die einer Verführerin und Verderberin ist, deckt sich in beiden Monotheismen, die eigentlich Patriarchalismen sind. Gelegentliche Versuche, sowohl Bibel wie Koran zu entlasten, indem gesagt wird, dieses oder jenes Inakzeptable sei dem Patriarchat und nicht der Religion geschuldet, verkennt, daß der Monotheismus identisch ist mit dem Patriarchat in einer historischen Epoche und sich nicht von ihm trennen läßt. Sein Gott ist der, den Michelangelo in der „Erschaffung Adams“ bärtig ins Bild gesetzt hat – wenigstens in der Massen-Vorstellung der Gläubigen von einem persönlichen Gott..

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Eine Antwort zu Unheiliges Dreigestirn

  1. Bader-Meinhof Komplex schreibt:

    Ja! Wenn „die christliche Kirche“ TATSÄCHLICH christlich wäre, wäre es eine Überlegung wert tatsächlich das Menschsein in einen Kontext zu stellen der eine „höhere Macht“ als ordnenden und moralischen Faktor „über“ alles stellt.
    Solange jedoch das nicht der Fall ist, ist das keine Option, sondern Opium, das mit Angst und Sakramenten unter die Schäfchen gebracht wird um sie für den ganz großen Missbrauch seit nunmehr über 1.600 Jahren gefügig zu machen. Und JA! Vielleicht ist auf gewisse Weise die Volksfrömmigkeit da schon in ihrer warmen Wahrhaftigkeit weiter. Allein diese Masse ist das Fundament auf dem die Kathedralen des unterdrückenden Patriarchats errichtet sind. Das ist viel später als Stockholmsyndrom beschrieben worden.

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