Theodemokratie

Auf die Nacht der Dilettanten folgte der Morgen der langen Messer und auf diesen der Tag der Heuchler. Politiker, Regierungssprecher, Talkrunden, Leitartikler beteuern unisono und global, daß sie den Militärputsch verurteilten. Erdogan, konnte man den Eindruck gewinnen, hatte die Demokratie vor ihren Feinden gerettet. Das Volk, sein Volk, hatte ihm dabei nicht nur geholfen, es hatte gar dem geliebten Führer die Niederlage mit Schande und Verbannung oder Tod erspart.

Wer die nächtlichen Bilder auf CNN sah, wurde erinnert an Szenen u.a. aus Budaspest 1956, Prag 1968 und Moskau 1991 , wo sich auch unbewaffnete Zivilisten den Panzern entgegengestellt hatten. In Istanbul und Ankara riefen sie „Allahu Akbar!“ und „Recep Tayyib Erdogan!“, was man so verstehen konnte, daß sie Letzteren als eine Art Stellvertreter des Ersteren ansähen. Offenbar liebt das Volk seinen Führer und will von ihm geführt werden in eine bessere Zukunft. Nicht wenige bekundeten ihren Willen, für ihn sterben zu wollen. Den Deutschen ist das alles nicht fremd.

Wir unterstellen, daß sowohl in der Türkei, wo die Parlaments-Parteien (verständlicherweise) einmütig den Putsch verurteilten, wie auch in den USA oder Europa viele klammheimlich den Erfolg der Obristen herbeigesehnt hatten. Am Licht des Tages wurde aus diesen nächtlichen Wünschen systemkonforme Heuchelei. Niemand, der irgendwie die Öffentlichkeit der westlichen Welt repräsentierte, konnte es wagen, seine Enttäuschung über den Verlauf der Nacht kundzutun. Zaghaft bettelten sie darum, die des Hochverrats Beschuldigten, die „Viren“ und „Krebsgeschwüre“, die schon lange auf den Schwarzen Listen des Sultans gestanden hatten, nicht zu hart anzufassen. Wie Hitler nach dem 20. Juli 1944 wird sich Erdogan nach dem 16. Juli 2016 aber davor hüten, das „Geschenk Gottes“ nicht anzunehmen. Seine Säuberungskommandos werden das Land so verändern, daß es rein als monolithischer Gottesstaat erstrahlt, in dem vielleicht Demokratie à la Iran deckmäntelchenweise die Einheit von Religion und Staat verschleiern soll.

Solch ein Hybrid- eine Art Theo-Demokratie – ist das äußerste, was ein von mehr als 90 Prozent Muslimen bewohntes Land sich zugestehen kann. Seine Massen sehnen sich nicht nach westlicher Freiheit und damit Verderbnis und Höllenstrafen, sondern nach der Barmherzigkeit Allahs, die ihnen nach einem in Gesetzes-Gehorsam verbrachten diesseitigen Leben im Paradies zuteil würde. Der kemalistische Laizismus ist Sünde. Auch sein Erbe wird den Reinigungskommandos zum Opfer fallen, zumal die Putschisten sich als Erben des „Vaters der Türken“ begriffen. Jetzt haben sie endgültig einen neuen Vater. Der wird streng sein, so streng, wie sein Gott es von ihm verlangt.

Die Türkei – kein arabisches Land! – belegt entgegen anderslautender Beschwörungen, wie zuletzt von Frank-Walter Steinmeier, daß Staaten mit muslimischen Mehrheiten tendenziell Demokratie als eine Art ideologischer Fremdherrschaft des Westens begreifen. Das mag ihnen zu einem spezifischen Selbstbewußtsein verhelfen nach langen Zeiten der Demütigungen – den Anschluß an die moderne Rest-Welt versperren sie sich damit ganz sicher.

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2 Antworten zu Theodemokratie

  1. Adolf schreibt:

    Nein! Das ist der Reichtagsbrand der Türkei!
    Geschichte wiederholt sich!

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  2. neptun16 schreibt:

    Kann sein. Mag sein. Ist mir aber zu verschwörungstheoretisch. Auf jeden Fall wird der Sultan aber seine Schlüsse ziehen wie weiland der Gröfaz und das Land in Richtung Gottesstaat verändern – durchaus mit Zustimmung der Mehrheit. Und dann kucken sie dumm aus der Wäsche wie jetzt die Iraner..

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