Pathos der Ignoranz

Politiker und andere Repräsentanten der öffentlichen Lebens sehen sich häufig in der Lage, ihr Nichtwissen mit dem Schleier des Humanen oder anerkannt Wertvollen zu bedecken und pathetisch auszuschmücken. Damit wird im Zweifel zur Irreführung und Desorientierung einer Öffentlichkeit beigetragen, die zu belügen aber nicht als eigentliche Absicht unterstellt werden darf. Anderseits ist kein erfolgreicher Politiker denkbar, der nicht durch Verschweigen, Verzerren, Übertreiben seinen politischen Zielen näherzukommen glaubt. Am Beispiel der politischen Rede über den Islam läßt sich das verdeutlichen.

Frank-Walter Steinmeier, der Außenminister, hat den Ruf, ein ehrlicher Mensch und Makler zu sein, ein ideologisch nicht verbohrter Anwalt des Volks- und Völker-Wohls. Anläßlich einer Preisverleihung in Bayern erklärte Steinmeier – sich von sog. „Populisten“ absetzend, die behaupteten, Islam und Demokratie seien unvereinbar: „Ich widerspreche da ganz entschieden, denn ich bin sicher, Demokratie gibt dem Islam Raum, und der Islam gibt der Demokratie Raum.“ Vorher hatte der Redner die Zuhörer belehrt, daß, wenn man auf engem Raum zusammenlebe, man Toleranz und Verständnis mitbringen müsse.

Über die Demokratie sagt Steinmeier, ohne mit Widerspruch rechnen zu müssen, sie stelle ihr Haus, ihren „Raum“, einer Vielzahl von Haltungen, Anschauungen und Meinungen zur Verfügung. Er sagt nicht, daß die Demokratie um den Preis ihrer Existenz niemand hereinlassen darf, der die Bombe unterm Mantel oder den Dolch im Gewande trägt. Dabei ist genau das das Problem unserer Zeit. Gibt es die sinnvolle Möglichkeit einer Toleranz gegenüber der Intoleranz, ohne daß, wie Sarrazin so knallig formulierte, Deutschland (oder der „Westen“ insgesamt) sich „abschafft“? Würde Steinmeier das Problem im Sinne einer bedingten Intoleranz beantworten (Intoleranz ist nicht zu tolerieren), müßte er den zweiten Teil seiner obigen Sentenz streichen. Denn die Behauptung einer islamischen Toleranz bedarf einer Präzisierung, die das Steinmeier-Diktum als schlicht ignorant und gefährlich enttarnt.

Das klassische Rechtssystem des Islam sieht die Bildung einer Gesellschaft mit zwei Klassen von Bürgern vor. Die einen, die Muslime, sind die eigentlichen Bürger; die anderen werden „toleriert“, ihnen wird ein Lebensraum verschafft, aber ihre Rechte sind nur die, die ihnen der islamische Staat gewährt. In der Diaspora, in der die europäischen Muslime leben, funktioniert das natürlich nicht.  Hier kann der von Allah erwählte Herrscher nicht seine Untertanen ermahnen mit der Sure 4,59: „O ihr, die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben.“ Das ist klassischer Islam – das ist Theokratie und dazu braucht es keinen „IS“. In Saudi-Arabien und im Iran läßt sich die Theokratie studieren, die das Wesen islamischen Politikverständnisses ausmacht. Da wird kein „Raum“ mehr den Ungläubigen welcher Couleur auch immer zur Verfügung gestellt. Sie werden, wenn sie brav sind, geduldet.

Gutmenschliche Ignoranten wie Steinmeier, als Christ sozusagen ein Vetter der Muslime, ahnt von der Möglichkeit, die Houellebecq in „Die Unterwerfung“ beschreibt, offenbar nichts. Er will nichts davon ahnen. Er hält so etwas für den Ausfluß populistischer Verschwörungstheorien. Er würde noch nicht einmal von einer „Krise der Demokratie“ sprechen, von der viele Beobachter glauben, daß wir mitten drin sind. Und diese Krise hat durchaus mit dem zu tun, was seit längerem als „Wiederkehr des Religiösen“, eigentlich des Irrationalen, beschrieben wird. Eine Gegenaufklärung. Der amerikanische Psychologe und Autor John Gray bemerkte hierzu: „Die Ära des Säkularismus liegt nicht, wie liberale Humanisten glauben, in der Zukunft. Wir müssen uns bewußt machen, daß sie der Vergangenheit angehört.“

Hätte Gray ansatzweise recht, dann erwartete uns in der Zukunft vielleicht die Herrschaft der miteinander versöhnten Gläubigen weltweit, und das Reich Satans, das der Ungläubigen, wäre endlich besiegt, wie es die Johannesapokalypse beschreibt: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ Mit ihr die Demokratie und jeder Gedanke an sie. Niemand bräuchte sie mehr unter Gottes Gesetz.

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