Freiheit zur Unfreiheit

Manchmal lesen wir Sätze wie diesen und fragen uns, was der Autor wem hat sagen wollen: „Menschenliebe, Toleranz und Friedfertigkeit sind unsere Zukunft – unabhängig davon, aus welcher religiösen oder weltanschaulichen Quelle sie sich speist“. Geschrieben hat ihn der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, der oberste deutsche Protestant. Ist es die Pflicht eines Kirchenmannes, solche Nebelwolken über die Landschaft zu blasen, um etwa die Angst derer zu beschwichtigen, die nirgends in den bekannten religiösen Kulturen jene hehren Ideale befolgt sehen, wenn sie die täglichen Nachrichten anschauen? Wer sich über die Heiligen Schriften beugt, findet, je näher er hinsieht, etwas anderes: nämlich die Aufforderung, die Anhänger des eigenen Glaubens zu lieben, sofern sie gesetzestreu sind; die eigene Religion für die einzig wahre zu halten – denn sonst wäre sie nicht die Selbstoffenbarung Gottes; den „Frieden“ missionierend denen zu bringen, die nicht in der Wahrheit leben, auch um sie vor der ewigen Verdammnis zu bewahren.

Was Bedford-Strohm als moderner Theologe implizit gut kantianisch fordert, ist ein „vernünftiges“ Verständnis vom Zusammenleben der siebeneinhalb Milliarden Vertreter der Spezies homo sapiens auf dem Planeten – aber das, so scheint es, ist mit den verfügbaren Religionen nicht zu haben, selbst wenn sie Gott abschafften wie die Kommunisten alter und neuer Prägung. Wer sein Christentum jesuanisch versteht, muß das Ende aller real existierenden Religion herbeiwünschen. Das gleiche gilt für Buddhisten. „Die mit mir sind, haben mich nicht verstanden,“ sagte Jesus über seine Jünger. Deren Nachfolger sind die Kirchen. Ähnlichen Verdacht pflegten Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche, denen der Theismus als Glaube an persönliche, gar einzige, sich offenbarende Götter als Anschlag auf die menschliche Vernunft erschien. Menschen, die vom religiösen Virus befallen werden (fast alle also) erkranken schwer im Gemüt, obwohl sie die andere Krankheit, die Todesangst, zu überwinden gehofft hatten. Es gibt keine Medizin ohne Nebenwirkungen. Wir müßten schon lernen, das Leben  zu lieben, über das hinaus es nichts gibt. „Ich in nicht ‚frei zum Sterben‘, aber ich bin ein freier Sterblicher,“ sagte der Atheist Sartre. Jede Theologie vertritt dagegen in apologetischer Absicht eine kirchliche Trost-Pharmazie, deren Pillen und Salben abgesetzt werden müssen. Vom religiösen „Trostmarkt“ sprach Rilke. Seit über 250 Jahren kennen wir die Krankheit, aber wir haben unterdessen sogar den Mut verloren, sie als solche zu benennen.

„Die Gesellschaft versklavt die Individuen, ohne sie daran zu hindern, sich frei  zu wähnen“, bemerkt Niklas Luhmann und stellt Bedford Strohms Rühmung der Religionsfreiheit vom Kopf auf die Füße. „Gesellschaft“ wäre nur durch „Religion“  zu ersetzen. Diese bewirkt nämlich das Gegenteil von Freiheit. In jedweder Religion ist niemand „frei“. Glaubensbekenntnisse formulieren geballte, strafbewehrte Denkverbote.  Das erste im Dekalog – „Du sollst keinen Gott lieben außer mir“ (entsprechend Sure 112, 1-4) – begründet alle anderen.  Die „Freiheit eines Christenmenschen“  (Luther) ist so irreführend wie die Schlankheitsversprechen auf den Diätpackungen heute. Wer nicht hungert, nimmt nicht ab. Wer nicht nicht glaubt, wird nicht frei. Boris Johnsons Credo, man könne den Kuchen essen und gleichzeitig behalten, zielt zentral auf den Infantilismus der Massen, die irgendwie wissen, daß sie sterben müssen (den Tod dieses Lebens essen), aber dann gibt es einen neuen Kuchen. Es bleibt ihnen die Mühe erspart, dem Tod ins Auge zu sehen und mit ihm ein sinnvolles Leben im Diesseits zu leben, indem sie ihn am Ende essen. Wer sich gar in die Luft sprengt, schreit wie ein nach Süßigkeiten süchtiges Kleinkind: „Ich will alle Kuchen, und zwar sofort!“ Stampft mit dem Fuß auf und zündet den Gürtel.

Die durch alle Höllenängste  und Selbstzweifel gegangene Ayaan Hirsi Ali formulierte es so, nachdem sie in der gottlosen Selbstbestimmung angekommen war: „Es fordert viel Sinn und Verstand, ein religiöser Mensch zu sein, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen.“ Damit setzt sie Matthäus 16,26 in ein kritisches Licht, wo Weltverachtung dem Menschen nahegelegt wird: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Auch hier, bei Jesus, der das Weltende nah wähnte, entsprang die verhängnisvolle Diesseits-Mißachtung des Christentums, die vom Islam kopiert und dort in eine Art Jenseits-Besessenheit gesteigert wurde. Auch davon zeugen neben Märtyrern jeglicher Couleur die Suizid-Bomber. Der Islam ist eine Religion des Todes.

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