Asyl für Atheisten!

Wer in Ländern wie Iran, Saudi-Arabien oder  Pakistan die Existenz eines Gottes leugnet, ist des Todes. Wenn ihm nicht die perfekte Tarnung oder die Auswanderung gelingt. Nicht an einen Gott zu glauben, ist heute noch für einen Muslim die größtmögliche Sünde, aber auch etwas völlig Widersinniges, Unvorstellbares. Das christliche Pendant, die „Sünde wider den Heiligen Geist“, die einzige, die nicht vergeben werden kann, meint ihrerseits die Unbußfertigkeit bis zum Tod, das Ausbleiben jeglicher Reue. Auch hier war bis zum Anbruch der Aufklärung die Existenz Gottes eine unhinterfragbare Selbstverständlichkeit. Wer wie David Hume und einige andere große Geister der europäischen Aufklärung die Aussicht auf ewiges Leben genauso wie die Existenz eines persönlichen Gottes noch auf dem Sterbebett leugnete, mußte sich auf ein Dasein als ewiger Schmorbraten in der Hölle einstellen. Kein Christus-Kreuz-Opfer half ihm da heraus. So bis heute die reaktionäre Lesart. Wieder erweisen sich Muslime und Christen als Brüder im Geiste. Sie sollten ihren Krieg gegen die Ungläubigen als Verbündete führen und sich nicht gegenseitig schwächen. 

Im Bonner Schauspiel läuft seit einigen Wochen eine radikal aktualisierte Version von Lessings „Nathan der Weise„. Die Regie operiert mit einem quasi antiken Chor, der mit sozusagen indigenen jungen Muslimen besetzt ist. In Deutschland geboren, muttersprachlich deutsch, beklagen sie ausdrucksstark und eindrucksvoll ihre Existenz als immer noch Fremde, loben andererseits die Freiheit, die ihnen die säkulare Gesellschaft bietet. Obwohl im Besitz eines deutschen Passes, fühlen sie sich irgendwie „undeutsch“, weil sie verdächtigt werden, bei gegebenem Anlaß die Nationalhymne nicht mitzusingen. Die Regie bietet ihnen keinen Ausweg wie schon Lessing nicht, von dem man es auch nicht erwarten konnte. Die Elemente seines Dramas, das das Toleranz-Motiv seit je  bis zum Überdruß und folgenlos den heranwachsenden deutschen Eliten auf den Gymnasien anbietet, schrumpfen auf die Aussage, im Grunde seien sich die drei Monotheismen gleich, ihre ausschließenden Wahrheitsansprüche bei Lichte besehen vernunftwidrig. Weil aber alle einsehen müßten, daß radikale Wahrheitsansprüche zerstörerisch sein, sei „Toleranz“ angesagt. Da standen nun am Ende die Zuschauer als arme Toren. So klug als wie zuvor.

Die Bonner Regie gab im Geiste Lessings niemand recht und allen. Sie  ließ die gestreßten Gott-Gläubigen im Hamsterrad ihres Glaubens sich weiter ertüchtigen. Fatalistisch wiederholte sie implizit das Mantra vom Angewiesensein des Homo sapiens auf einen Glauben – egal auf welchen, selbst an den gottlosen Kommunismus. Mit welchen im Zweifel mörderischen Folgen auch immer. Die daraus sich ergebenden Konflikte seien unvermeidlich und hinzunehmen wie Tiefdruckgebiete. Noch nicht einmal der Eine-Gott kann sich seit Jahrhunderten durchsetzen gegen einen anderen Ein-Gott. Krieg wird so zum gottbefeuerten Perpetuum mobile. Ein riesiges Tabu verhinderte für die Massen bisher die Geburt des Gedankens, der als einzig „wahrer“ behauptete Gott, der Terminator und Völkermörder, könne nur gebremst werden durch einen Nicht-Gott. Ganz schlicht hat das einst John Lennon auf den Punkt gebracht: „Imagine ther’s no Heaven / it’s easy if you try.“ Diese Aufforderung verband er mit naiver Friedenssehnsucht. Für die meisten Muslime ist allerdings Lennons Ansinnen, auf den „Himmel“ bzw. das Paradies zu verzichten, indiskutabel. Was sie auf Erden nicht haben dürfen, hätten sie dann im Jenseits auch nicht. So kann keiner leben. Sie leben als junge Männer, wenn sie gläubig sind, in einem Wartesaal. Sie sind, wenn man mit ihnen spricht, stolz darauf, einer „Religion des Todes“ anzugehören und bekommen glänzende Augen, wenn sie von den im Koran geschilderten Wonnen des Paradieses sprechen. Natürlich müssen sie den hassen, der ihnen die einzige Möglichkeit nehmen will, etwa den Weg auch zu den Frauen und zur Lust zu finden. Daher das aus dem Ressentiment der Zu-kurz-Gekommenen entstandene unerbittliche Tötungsgebot.

Alle als Muslime zur Welt Gekommenen, die sich diesem Wahn-System mit Allah als Big Brother entziehen wollen (es sind nicht viele), brauchen Schutz, auch den des Asyls. Die Atheisten in der muslimischen Welt bedürfen der Solidarität auch der Christen, wenn die ihr Christsein als Nächstenliebe verstehen. Andere wie (stellvertretend für die Hardliner) der Autor Martin Mosebach, die eine Annäherung der christlichen Lebensweise an die strengere muslimische für wünschenswert halten und für die Bestrafung der Gotteslästerer plädieren, könnten sich einer solchen Solidarität mit Ungläubigen wahrscheinlich nicht öffnen; sind aber nicht mehr die Mehrheit der immer noch Gläubigen.

Wie heißt es bei John Lennon: „You may say I’m a dreamer / But I’m not the only one…“

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s