Das katholische Geschlecht (3)

Beim Leipziger Katholikentag fand man auch Arbeitsgruppen, die sich mit dem vom Papst dämonisierten „Genderismus“ auseinandersetzten. In einer Diskussion gab es Szenenapplaus für die Meinung, erst komme der Mensch, dann das Geschlecht. Der darin verborgene Angriff galt einer vermeintlichen unangemessenen Sexualisierung menschlicher Beziehungen. Er bezog sich auch auf das Motto der Veranstaltung „Seht, da ist der Mensch“, das auf den offiziellen Plakaten zu sehen war und neben dem Text ein ernst-frommes Mädchen zeigte mit glatten Haaren und einem weder fröhlichen noch traurigen Gesicht. Ein Mensch halt wie wir. Nicht gefoltert und gequält wie Jesus, auf den das Pilatus-Wort „Ecce homo“ gemünzt ist. Ein jesidisches Mädchen mit dem Grauen von erlebter Folter und Vergewaltigung in den Augen – es gibt viele Bilder solcher Mädchen – durfte es nicht sein. Gott sollte nicht verantwortlich gemacht werden, auch nicht unterschwellig. Man macht Ihn ja auch nicht verantwortlich für die Qualen dessen, der Sein „Sohn“ genannt wird. Verantwortlich ist der „Mensch“, ist seine „Schuld“. Verantwortlich ist zuletzt – wenn wir den Kirchenvätern und besonders Tertullian und Augustinus folgen – der Mensch als Weib. Eva also. Auch das Mädchen auf dem Plakat ist Eva.

Daß man die Verfallsgeschichte der jesuanischen Botschaft,  also die Geschichte der (katholischen) Kirche, so deuten könnte, ist den Katholiken der Gegenwart eher peinlich. Es mag so etwas wie ein verborgenes männliches Schuldbewußtsein der Kleriker gegenüber den von ihnen bis heute mißtrauisch beäugten  Frauen geben – so etwa die Theologin Sarah Coakley – und ein daraus entspringendes Wiedergutmachungsbedürfnis. Letzteres mag dann das Mädchen (und keinen Jungen) auf das Plakat gebracht haben, aber darauf müßte ehrlicherweise zu lesen sein: Du bist zwar ein Mensch, aber Priesterin darfst du niemals werden, denn du bist Eva. Hätten die Besucher jener Diskussion über die Gender-Theorie etwas um die Ecke denken können, wäre ihnen vielleicht die Frage eingefallen, warum gerade die Kirche das Geschlecht und damit den Sex zu so einer großen Sache macht. Sie ist es ja, bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts auch ihr evangelischer Ableger, die vom Geschlechterunterschied seit Paulus so besessen ist. Der schrieb an Timotheus: „Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, daß sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam geschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“

Bemerkenswert ist nun nicht, daß der vom griechisch-jüdischen Patriarchat durchtränkte Paulus solche durchaus unjesuanischen Diffamierungen von sich gibt, sondern daß sie 2000 Jahre später immer noch zur Begründung eines unhaltbar gewordenen Zustandes herangezogen werden. Paulus beruft sich auf den Teil der Genesis-Mythe, der ihm paßt (es gibt in Genesis 1 bekanntlich eine Alternative, die sog. „priesterschriftliche“), und die Tradition folgt ihm. Sie folgt ihm, weil sie ins patriarchalische Konzept von der konstitutionellen körperlichen wie geistigen Schwäche des Weibes und seiner Unterordnung unter den Mann paßt. Die zeitgenössische Theologie hat natürlich längst die mythologische Dimension des Alten wie des Neues Testaments verstanden, aber Theologie ist nicht Kirche bzw. Kirchentag. Was Kirche heute noch „Offenbarung“ nennt, ist in seiner Substanz „Mythos“. Die Welt des Mythos braucht weder erklärt noch begründet zu werden. Der Mythos wird aber nicht von Personen oder Redaktionen fabriziert, sondern er ist so etwas wie ein „psychologisches Naturprodukt“ (Blumenberg), worin sich vorschriftliche Menschheitserfahrung niederschlägt. Dies begründet seine „Wahrheit“. In seiner schriftlichen Form erst, in den relativ spät fixierten Heiligen Schriften, kann man dann das Dogma vom schriftlosen Mythos, aus dessen Fleisch es ist, formal unterscheiden.

Jede historisch-kritische Auslegung von Bibel und Koran muß diese Unterscheidung Mythos/Dogma akzeptieren. Wenn Mohammed sich etwa auf Moses bezieht, sich mit ihm vergleicht, weiß er natürlich nicht, daß „Moses“ ein Mythos ist, nichts Ontisches, Geschichtliches. Wir aber wissen es. Es käme darauf an, die Gehalte der jeweiligen „Offenbarungen“ auf ihre Moral und Gemeinschaft stiftende Dimension zurückzuführen und den mythischen Gehalt als solchen zu identifizieren, ggf. zu eliminieren. Dann könnten Religionen ganz im Sinne Kants wieder Teil der modernen Welt werden. Als in Schriftlichkeit erstarrte Mythen verbreiten sie nicht selten nur Furcht und Schrecken, manchmal auch Tod und Verderben..

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