Rückkehr der Dämonen

Sage mir, wie du sprichst, und ich sage dir, in welche Familie du gehörst. Jesus jagte, in der Sprache der Bibel, die Dämonen aus zwei Besessenen in die Säue und dann diese in den Abgrund. (Matthäus 8,28ff) Er war also ein erfolgreicher Exorzist. Den Berufstand gibt es heute noch in der katholischen Kirche. Das Betätigungsfeld der Dämonen scheint sich aber unterdessen gewandelt zu haben. Der Papst identifizierte kürzlich die Dämonen als Repräsentant_innen der Gender-Theorie (auch Genderismus, Genderwahn oder GenderGaga), indem er feststellte, die ganze Theorie sei „dämonisch“. Man kann daraus schließen, der Gender-Wahn gehöre ausgetrieben aus dem Gesellschafts-Körper wie seinerzeit der Rinderwahn aus den Kühen. In dieser Hinsicht befindet sich der Papst und somit auch seine Kirche in der Nähe nicht nur des Islam mit seinen Dschinn, sondern auch der Alternative für Deutschland, die ebenfalls eine Krankheit (Wahn) oder eine gefährliche Geistesverwirrung (Ideologie) in jener Theorie vom „sozialen Geschlecht“ erkennt. Bemerkenswert nur, daß Marcus Pretzell, des Lebensgefährte von Frauke Petry, in seiner Liebsten auch eine Dämonin zu identifizieren scheint, empfindet er doch zumindest ihre „Schönheit“ als „dämonisch“, und das deutet auf einen geheimen, zumindest unbewußten  Austreibungswunsch hin.

Trotz der dämonischen Spitzenfrau und ihrer Stellvertreterin, der ehemaligen Herzogin von Oldenburg, ist die AfD ein kämpferisch-antifeministischer Männerverein, darin auch der Katholischen Kirche ähnlich, die die Gottesmutter im Schilde führt, die Frauen auch viel Drecksarbeit machen läßt, sonst aber eisern am männlichen Machtmonopol festhält – weil dies „schon immer so war“. In einem hämischen Sprachspiel könnte man die Frauen der AfD wie die Katholikinnen als „nützliche Idiotinnen“ bezeichnen, was wir aber hier, wo wir niemand beleidigen wollen, unterlassen. Aus den beiden AfD-Spitzenfrauen auf eine frauenpolitisch progressive Partei zu schließen, ist aber ähnlich abwegig wie aus der Verehrung von Maria auf eine Hochachtung des weiblichen Geschlechts. In beiden Fällen haben wir es mit einer Art Camouflage zu tun, auf die allerdings viele Gläubige hereinfallen

Insgesamt scheint die Anti-Gender-Wut als Ausdruck wieder einer Verschwörungstheorie, wie sie von einschlägigen Autoren wie Birgit Kelle, Gabriele Kuby und Akif Pirincci vorgetragen wird, zurückzuführen sein auf die „Wiederkehr des Religiösen“ insgesamt und der damit wachsenden Irrationalität der gesellschaftlichen Diskurse. Grundlage solcher Haltung ist letztlich der Glaube an eine gottgewollte, unveränderliche Schöpfung, das Negieren jeglicher Veränderung im Sinne einer Geschichtlichkeit bzw. Evolution. Denn an dieser Front – Schöpfung oder Evolution – geht es um nichts weniger als um die Rechtfertigung der Religionen und der Konstruktion eines Schöpfergottes. Die Verschwörungstheoretiker wittern einen globalen Staatsstreich, der das ganze patriarchalische Gebäude und damit die gesamte tradierte Kultur zum Einsturz bringen soll.  Judith Butler, in hohem Maße verantwortlich für diese Gefahr, schrieb provokativ von „scheinbar ontologischen (Geschlechter-)Kategorien“, von einer „fiktiven Konstruktion des ‚Geschlechts'“, die  der“Phallogozentrismus“ hervorgebracht habe – und auf diese intellektuell höchst anspruchsvolle Provokation reagieren Religiöse aller Couleur wie Alternative vom rechten Rand unisono mit Schaum vor dem Mund. Ihr Credo: Es gibt eine natürliche, unveränderliche Ordnung, und die stammt von Gott/Allah und heißt „Schöpfung“. Eine riesige zeitliche Kluft (Voraufklärung vs. Postmoderne) trennt die beiden Positionen. Dem zeitlichen Gap entspricht der zwischen symbolisch-religiösem und historisch-wissenschaftlichem Weltbild bzw. Sprache. Sie zu versöhnen hatte sich einst Habermas vorgenommen. Das war zu Zeiten von Benedikt XVI. Franziskus, der Dämonengläubige, wird, so ist zu fürchten, die Kluft nicht überwinden.

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