Der Glaube und das Ende

Die spanische Philosophin Marina Garcés sieht die Welt nach den Katastrophen des 20.Jahrhunderts, nach der Erfindung der Atombombe, nach dem Aufblühen des religiösen Terrorwahns und nach dem Ende einer Geschichtshoffnung, wonach alles, so Gott und Hegel es wollen, zu einem guten Ende kommen werde – Garcés sieht die Menschheit in der Situation, ans Aussterben zu denken. Die Erzählung von unserer eigenen Auslöschung beginne sich durchzusetzen. Nur haben wir uns angewöhnt, dafür eine verklausulierte Sprache der Verschleierung, Tabuisierung und Selbstbelügung zu verwenden. 

Nun hat es solche Vorstellungen vom Untergang des Abendlandes, vom Ende der Zeiten immer wieder gegeben, wird man einwenden. Neu ist allerdings seit 70 Jahren, daß die reale Potenz dazu nicht mehr in Gottes Hand (Sintflut etc.), sondern in die seines ebenbildlichen Geschöpfes gelegt ist. Die Entfesselung der Atomkraft war die eigentliche Erbsünde, der ultimative Griff zum Apfel am Baum wissenschaftlicher Erkenntnis, die immerhin als Erkenntnis beschränkt genug war, ihr eigenes Handeln nur unzulänglich zu reflektieren. Die Folgen, die zunächst eintraten (weitere werden notwendigerweise eintreten), kennen wir: Hiroshima, Tschernobyl, Fukushima. In Belgien, Frankreich und anderswo warten die nächsten Meiler auf das Ereignis, das sie explodieren läßt. In Nordkorea, Pakistan, Indien, Rußland warten von Gott oder der Partei oder von Orthodoxen Kirchen erleuchtete Männer vor Raketensilos darauf, Ungläubige und Feinde ins nukleare Höllenfeuer zu schicken. Daß gläubige Menschen bei dieser Gelegenheit ins Paradies gelangen, wird seit langem von Heiligen Schriften glaubwürdig verbreitet, was wiederum einer gewissen Bedenkenlosigkeit vorarbeitet. Das Leben, wissen wir, ist der Güter höchstes nicht.

So sagt es auch der Koran und richtet sich nach der Bibel, von der er sowieso alles Wesentliche abgekupfert hat. Der Märtyrer ist  die höchste und ehrfurchtsgebietendste Form des Gläubigen, des Gottesknechts. Bekanntlich gibt es aber bedeutend mehr Menschen, die den Koran wörtlich nehmen und sich jenen explosiven Gürtel umbinden, als solche, die die Bibel nicht historisch-kritisch verstehen und sich gern Löwen zum Fraß vorwerfen würden.  Der größte Teil der Weltbevölkerung ist umnebelt von Mythen, die mit Geschichte (Exodus etc.) verwechselt und als Offenbarungen (Auferstehung etc.) verehrt werden, und vielerorts ist es immer noch gefährlich, sowohl den mythischen Ursprung als auch die mythendurchsetzte Geschichte und Gegenwart von Religionen zu benennen. Die mythischen Hochgötter bzw. ihre Stellvertreter auf Erden kennen da keinen Spaß. Man sehe sich das pakistanische Blasphemiegesetz an. Dort, in Pakistan, haben sie übrigens die Bombe. Allah wird sie – etwa gegen Israel – zum rechten Zeitpunkt einzusetzen wissen.

Explosionsstoffe bestehen häufig aus zwei Komponenten. Die spanische Philososphin benennt sie nicht, vielleicht aus Rücksicht auf die katholische Tradition ihres Landes. Eine Welt, die sich selbst in ihren Göttern und deren Rache- und Bestrafungsphantasien nicht durchschaut, die also mental und ethisch nicht auf der Höhe ihrer technisch-wissenschaftlichen Entwicklung ist, könnte, brächte sie die Komponenten Nuklearwissenschaft und religiöse Ultraorthodoxie zusammen, endlich den Zauberlehrling geschaffen haben, der sie selbst in Brand zu setzen in der Lage ist. Prometheus legte das Feuer, das er den Menschen brachte, schlußendlich an d en Planeten, den sie bewohnen. Und die Götter lachen sich krumm.

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