Ein Muezzin für alle!

Die AfD will nicht hören, was sie ihrem christlich-abendländischen Selbstverständnis zufolge logischerweise gutheißen müßte: Daß „Gott“ groß ist (was immer das heißt) und daß es keinen „Gott“ gibt außer „Gott“ (auch der Sinn dieser Rede erschließt sich nicht unmittelbar, wenn man nicht schon vorher weiß, wer oder was „Gott“ ist). Allerdings stehen diese Gebetsrufe des Muezzin, die die AfD nicht in unseren Städten hören will, in keinem Widerspruch zur abendländisch-christlichen Leitkultur, für die die AfD so vehement kämpft. Sie will uns etwa weismachen, daß Allah, wenn er als der Einzige gepriesen wird , unseren lieben Vater im Himmel in Frage stellt oder gar verdrängt. Unsinn, sagen die Islamkenner zu recht, und der religionsskeptische Beobachter von außen glaubt Belege dafür zu haben, daß die Juden aus einem Stammes- bzw. Vulkan- oder Wettergott des nordwestlichen Arabien einen „höchsten Gott“ machten, ihn im 6. Jahrhundert v. Chr. monopolisierten und schließlich behaupteten, es gebe keinen anderen Gott. Der alle anderen Götter ausschließende Monotheismus war geboren. Jesus nannte „Gott“ angeblich vertraulich „Abba“ („Väterchen“), und 600 Jahre nach seiner von Abba angeregten Hinrichtung glaubte ein Kaufmann und Karawanenführer aus Mekka, dieser Gott aus den Büchern der Juden und Christen sei derselbe, der Botschaften zu ihm herabsende. Er nannte ihn „Allah“, das arabische Wort für „Gott“, und „Allah“ wurde er auch von den christlichen Arabern vor Mohammed genannt.

„Gott“ oder „Jahwe“ oder „Allah“ – es gibt keinen Grund, diese drei auseinanderzudividieren. Sie entstammen ein und demselben Mythos, dem jüdischen, der wiederum von älteren Mythen, u.a. von Echnatons ägyptischem Ein-Gott, gespeist wird.  Der Koran ist, bei Lichte besehen, in großen Teilen eine simplifizierende Übernahme des jüdisch-christlichen Mythos mit Spezialabweichungen für die arabischen Nomadenstämme. Mythische Gestalten wie Adam, Noah, Abraham, Moses, Joseph bevölkern ganz unbefangen den Koran, als gehörten sie nicht den Juden, die sie erfunden haben, sondern seien historische Gestalten. Aber im 7. Jahrhundert gab es für niemand eine Trennung von Mythos und Geschichte, auch tausend Jahre später für die meisten Menschen noch nicht. Alle Geschichte war heillos mit Mythos verwoben. Einige Theologen hielten den Islam für nichts anderes als für eine christliche Häresie, für eine andere Gestalt des christlichen Mythos. Dafür sprechen u.a. die Stellungen von Jesus und seiner Mutter in  Mohammeds Verkündigung. Ursprünglich beteten die Muslime in Richtung Jerusalem.

Kurzum: es gibt keinen Grund zur scharfen Grenzziehung zwischen den Monotheismen, was ihren theologischen Kern betrifft, was also in den heiligen Büchern steht. Ein Muezzin für alle müßte reichen. Der Rest ist „Kultur“. Kultur ist Geschichte. Geschichte ist Veränderung. Und da hat sich einiges getan. Das Christentum wurde, zumindest jenseits des Volksglaubens, als Mythos entzaubert, von Jesus blieb das große ethische Vorbild für die Menschheit, und niemand fürchtet sich mehr vor der Hölle. Ganz anders der Islam. Seine Gläubigen sind, sofern sie dem „Volksislam“ angehören, sozusagen Kinder geblieben, gute und böse Kinder. Sie glauben an ein Jüngstes Gericht, an ein Paradies, in dem großäugige vollbusige Jungfrauen für den Spaß sorgen, den es im Diesseits (warum auch immer) nicht geben darf, und sie glauben an eine Hölle, in der es mindestens so heiß ist wie im Innern einer Atombombenexplosion – nur daß man daran nicht stirbt, sondern die Hitze ewig erleidet.

Wenn unser Bild stimmt, dann hätten sich die heutigen Christen größtenteils in skeptische Jugendliche verwandelt, während die meisten Muslime im Kindergartenalter verblieben. Keine Frage der Intelligenz, sondern der Reife. Es handelt sich um die Kinder einer Großfamilie. Nur bleibt offen, ob die bösen Kinder der Familie, die „Islamisten“ zu nennen man sich angewöhnt hat, einfach so des gemeinsamen Hauses verwiesen werden können. Natürlich sind und bleiben sie Muslime, Kinder des Vaters, der alle schuf. Was immer sie Böses tun, hat „mit dem Islam zu tun“. Das läßt sich natürlich auch von den Christen sagen, als sie noch schreckliche Kinder waren und ihren Sadismus in Kreuzzügen oder unter „Heiden“ in Amerika und Afrika und später in Weltkriegen auslebten. Es gibt keine Wesensunterschiede, sondern nur solche der historischen Reife.

Max Weber hat aber einmal das ganze Dilemma der religiösen Menschheit zusammengefaßt: „Es gibt durchaus keine ungebrochene, als Lebensmacht wirkende Religion,welche nicht an irgendeiner Stelle das Opfer des Intellekts fordern müßte.“ Daran schließt sich zwangsläufig die Frage an, ob sich die Menschheit im Zeitalter wachsender Komplexität und Krisen und angesichts riesiger Arsenale von Massenvernichtungswaffen ein solches Opfer leisten kann. Nur ein Zyniker konnte deshalb folgenden Rat posten, der sich bei Facebook fand: „Too stupid to try science – try religion“.

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