Die kulturelle Haut (2)

Typisch für die „Komplexitätsreduzierung“ auch der seriöseren Medien ist etwa die Berichterstattung über die AfD und ihr Programm. Herausgehoben wird in den Rundfunk-Nachrichten, die „rechtspopulistische Partei“ strebe ein „Minarett-Verbot“ an. Ginge es darum, könnte man die Debatte als allzu kindisch beenden. Die diesen Verbots-Aspekt voraussetzende Behauptung, der Islam sei qua Kultur nicht kompatibel mit Demokratie und Verfassung, wird vom meinungsbildenden Mainstream argumentationslos als empörend zurückgewiesen. Hierzu ließe sich einiges sagen, auch in Richtung der AfD, deren verengter Blickwinkel den Islam isoliert und übersieht, daß dessen religiös-politisches System sich vor allem nur dadurch etwa vom Christentum unterscheidet, daß dieses im Laufe der vergangenen 200 Jahre seine systemische Macht und in den letzten Jahrzehnten auch seinen Einfluß auf das Denken, das moralische Handeln und die Politik weitgehend eingebüßt hat. Der überwiegende Teil der intellektuellen Eliten versteht sich heute als agnostizistisch, wenn nicht atheistisch. Daß die Gottesformel noch nicht aus allen Präambeln der Verfassungen verschwunden ist, verweist nur auf die durchgehende öffentliche Heuchelei in Sachen Religion.  Die Empörung über die Religionsfeinde – denn als solche werden die „Islamophobiker“ vor allem verstanden – ist eine andere, ist die aktuelle Ausdrucksform religiöser Heuchelei.

Wer immer mit einem Anspruch auf Seriosität den Islam analysiert und kritisiert, muß ihn theologisch, philosophisch, soziologisch, historisch und auch politisch ernst nehmen. Dann besteht er aus mehr als aus Folklore, Kleider- und Speisevorschriften, seltsamen Ritualen und orientalisch gemeinten Sakralbauten. Seine Geschichte ist eine von schismatischen Ereignissen, blutigen Kämpfen gegen Sektierern wie den Sufis, brutaler Radikalisierung  und in den letzten Jahrzehnten auch kläglichen Versuchen einer Modernisierung bzw. Europäisierung. Navid Kermani mag für einen „modernen“ europäischen Islam stehen. Weitaus erfolgreicher als solche zaghaften Experimente war allerdings das Wirken etwa eines Denkers wie Sayyid Qutb, eines geistigen Vaters der Muslimbrüder, der in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts seine einflußreichen Werke verfaßte. Eine Menschheit, die sich nicht bedingungslos unter die Herrschaft Gottes begibt, ist Qutb zufolge im tiefsten Grunde verderbt. Der Ernst und die Strenge dieses Ansatzes fasziniert die meisten sog. „Islamisten“, die sich allerdings mit einigem Recht nicht als Abweichler vom „wahren“ Islam begreifen, sondern als seine einzigen authentischen Repräsentanten. So braucht es keiner besonderen Radikalisierung, sondern nur einer strengen Auslegung des Koran, um etwa die im Westen praktizierte weibliche Selbstbestimmung als soziale Verwahrlosung zu interpretieren. Eine Frau, die sich dem Einfluß und damit dem Schutz ihres Mannes oder anderer männlicher Familienangehöriger entzieht, vergeht sich gegen die göttliche Ordnung, die die Unterwerfung der Frau unter den Mann, des Mannes unter Gott vorschreibt. Nicht anders sehen es auch fundamentalistische Christen. Reformerische Islamkritiker wie Abdelwahab Meddeb etwa haben folgerichtig den Eindruck, „daß das wahhabitische Arabien und das puritanische Amerika über denselben Taufstein gehalten wurden“.

Tief eingewebt in die kulturelle Haut der Männer des Patriarchats, am ausgeprägtesten heute bei den Muslimen, ist die Gynophobie, die Angst vor der sexuellen Macht der Frauen. Aus dem 16. Jahrhundert stammt von Sheikh Nefzawi „Der duftende Garten“, ein einflußreiches Traktat, das diese Angst völlig unverstellt so artikuliert: „Wißt ihr, daß die Religion einer Frau in ihrer Vagina sitzt? Das Verlangen ihrer Vulva ist unersättlich. Es ist der Satan, der die Säfte ihrer Vagina fließen läßt.“ Ähnlich hätte es auch Jahrhunderte zuvor die Kirchenväter Tertullian oder Augustinus oder der Jude Jesus Sirach ausdrücken können. Diese Angst ist, wenn man es psychoanalytisch deutet,  eine Spielart der Kastrationsangst, entspringt einer Vision der Vagina dentata, und weil nur wenige Muslime bisher auf die Geheimnisse ihres unbewußten Lebens gestoßen sind, projizieren sie ihre Ängste direkt auf das verhaßte Objekt: die Frau. Diese Projizierung bestimmt die islamische Geschlechterkultur bis heute, ist der kulturellen Haut eingeschrieben wie ein Tattoo.Die Frau ist eine Komplizin Satans, wie es ja schon der Genesis-Bericht schildert (in der koranischen Version werden allerdings beide, Adam und sein Weib, von Satan verführt – Sure 2,36). .

Die christlichen Fürsprecher des Islam, die ihn verteidigen gegen seine phobischen Kritiker, auch gegen die innermuslimischen wie Ayaan Hirsi Ali, Hamed Abdel-Samad oder Ibn Warraq, verteidigen in Wahrheit einen rasant schwindenden Herrschaftsanspruch des religiös-mythischen Denkens in Europa. Die unerträglichen, auch frauenerniedrigenden Zumutungen eines scharianischen Rechtsverständnisses werden dabei in Kauf genommen. Lieber Scharia als Gottlosigkeit. Lieber Frauenverachtung, Entmündigung und das Opfer des eigenen Verstandes (Sacrificium intellectus) als Atheismus, der ja nichts anderes sei als moralischer Nihilismus. Lieber die Auslöschung des selbstbewußten (gar weiblichen!) Ich als die Infragestellung der patriarchalen Ordnung und ihres symbolischen Repräsentanten „Gott“. Diese duckmäuserisch verheuchelten Abwehrstrategien eines untergehenden religiösen Weltbildes christlicher Prägung prangert Houellebcq in „Unterwerfung“ an. Der Islam braucht dabei nicht explizit kritisiert zu werden. Er zeigt täglich der Welt sein Gesicht – unverhüllt.

Streichen wir den polemischen, ja beleidigenden Aspekt des folgenden abschließenden Zitats eines der wichtigsten iranischen Dichter, Sadeq Hadayat, dann treffen wir zu guter letzt auf den universellen Kern des Islam, wie ihn ein intimer Kenner beschreibt: „Der Islam ist ein Übelkeit verursachendes Gemisch aus unverdauten und sich widersprechenden Meinungen und Überzeugungen, die aus anderen Bekenntnissen, Religionen und dem alten Aberglauben in panischer Eile stibitzt und zusammengekittet worden sind.“ –  (Wir hüten uns vor einem Kommentar und danken Navid Kermani für die Überlieferung des Zitats).

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Eine Antwort zu Die kulturelle Haut (2)

  1. Erdogan der Ziegenf***** schreibt:

    Ja, hätte ich nicht besser ausdrücken können! Bravo. So isset.

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