„Religion“ oder „System“

Die „Wissensgesellschaft“ könnte viel wissen. Die Diskussion über Islam als System, die die AfD jetzt losgetreten hat, beweist aber, daß jene, die das Volk aufklären sollten, Medien und Politik, dem Volk komplexe Einsichten gar nicht zutrauen, es daher vom „schädlichen Wissen“  zuweilen (wie versuchsweise in „Köln“) fernhalten. Oder sie können solche Einsichten gar nicht mitteilen, weil sie selbst keine oder unvollkommene besitzen. Wenn der an sich als klug und besonnen bekannte Heiner Geißler der AfD vorwirft, sie betreibe „religiösen Rassismus“,  dann wird dem Beobachter schwindelig: eine Religon ist eine „Rasse“?  Oder was? Werfen wir nur noch mit leeren Totschlagworten um uns und nennen das „Diskussion“? Oder rufen wir, wie der Zentralrat der Muslime, in Ermangelung stärkerer Vergleiche, gleich die NSDAP und den Holocaust in Erinnerung, um die Diskussion zu entsachlichen?

Die AfD-Behauptung, die einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat, der politische Islam sei weniger eine Religion wie das Christentum, sondern ein politisch-religiöses „System“, besitzt einen durchaus seriösen und seit langem diskutierten Hintergrund. Seit dem 19.Jahrhundert wird in der muslimischen Welt das Wort „al-Islam Din wa Daula“ immer wieder zitiert und beschworen. Es meint: „Islam ist Religion und Staat“. Das Konzept ist nicht unumstritten, aber überaus populär und wirksam bis in die Gegenwart. Im Iran und in Saudi Arabien wurde es theokratisch verwirklicht. Von Mohammed ist in einem Hadith der Satz überliefert: „Der Islam herrscht und wird nicht beherrscht.“ Ein durch und durch politisches Vermächtnis, denn Mohammed war nicht nur Religionsstifter, sondern auch ein überaus erfolgreicher Politiker und Kriegsherr. Ihm streben die Islamisten heute nach. Die zur Zeit des Propheten vollzogene „siegreiche“ Verbindung von Religion und politischer Führung soll auch für die Gegenwart gelten und weltweit eine neue islamische Identität schaffen. Auch in Europa.  Der Islam der Islamisten, sagt der Orientalist und Islamforscher Hans-Peter Raddatz, ist durchaus „gläubiger Islam“. Dieser sei „nicht nur eine Religion, sondern auch eine Ideologie, und zwar eine Ideologie mit sehr hohem und sehr ausdrücklichem Geltungsanspruch“ (DLF-Interview vom 11.10.2010).

Können sich etwa in dieser Frage Frau v. Storch und Herr Gauland auf die Islamwissenschaft berufen?  Solcher Gedanke hat für die politisch Verantwortlichen offenbar etwas so Verstörendes, daß sie ihn vor den Augen und Ohren des eigentlich aufzuklärenden, aber leider auch verführbaren Volkes (Ratten und Fänger) sofort verteufeln und auf diese Weise der Debatte zu entziehen wünschen – und zwar unisono. „Anathematisieren“ nennt man das im theologischen Jargon. Rückfall in Zeiten des großen Tabus, könnte man auch sagen. In einem Essay der Jahrtausendwende heißt es zur Frage nach den Bedingungen künftiger beherrschbarer Ordnung: „Das könnte einem System funktionierender Tabus gelingen: die hochkomplexen und fatalerweise zugleich zutiefst infantilen und regressiven westlichen Gesellschaften so zu steuern, wie sie es seit je in den sogenannte primitiven Gesellschaften (und auch im Islam) tun: durch Frageverbote, Zeigeverbote, Schamverletzungsverbote, Ehebruchsverbote etc.“ (H-Peter Horn, Brauchen wir Tabus? Göttingen 2003).

Das gedankliche und emotionale Tohuwabohu der gegenwärtigen AfD-Islam-Debatte läßt leider den Schluß zu, daß der politische Infantilismus, die Erosion kritischen Denkens im Internetzeitalter sich gestärkt bzw. beschleunigt hat. Wir wollen, so scheint es, die Angst vor dem Terror bannen, indem wir seine geistigen Grundlagen verharmlosen, so wie es uns gelungen ist, den rachsüchtigen, grausamen Jahwe zum Käßmann’schen  Kuschelgott zu domestizieren. Skepsis ist angebracht. Allah ist aus härterem Holz.

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Eine Antwort zu „Religion“ oder „System“

  1. Grauwolf schreibt:

    Christentum und Islam

    trinitätslehre und logos-theologie gehören in vielen – wenn auch nicht in allen – christlichen glaubensgemeinschaften zu den dogmatischen grundlagen des glaubens. sie sind hybrid-konstrukte der theologie auf der basis spätantiker philosophie.
    dies wissen alle theologen dieser glaubensgemeinschaften, auch wenn sie die obige formulierung ablehnen werden, da sie diese hybrid-konstrukte in ihrem religiösen system als von gott offenbartes ansehen.

    mit hilfe dieser vorstellungen ist es – insbesondere für einen katholischen christen – sehr leicht, sich vom islam abzugrenzen, wie (als beispiel) ein auszug aus der katechese 115 (Das Christentum und der Islam) der konservativen katholischen Karl-Leisner-Jugend deutlich macht. in ihr werden trinitätslehre und logos-theologie zur klärung des unterschieds zwischen christentum und islam herangezogen.

    „Wir vermuten, dass der Islam sich selbst eher etwas niedriger ansetzen müsste, da nicht Gott selbst in Mohammed Mensch geworden ist. Verwunderung macht sich breit, wenn wir feststellen, dass der Anspruch des Islams sogar noch über den des Christentums hinausgeht. Was ist der Grund dafür?
    Wir erliegen einem Trugschluss, wenn wir Mohammed und Jesus auf die oberste Ebene setzen – und Bibel und Koran als schriftliches Zeugnis der Gründer eine Ebene tiefer einordnen. Tatsächlich sind im Christentum die beiden Positionen vertauscht:

                                                                    Christentum                          Islam
    

    Göttlicher Ursprung : Der Vater Allah
    Gottes Wort in der Welt : Jesus Christus Der Koran
    Zeuge für Gott : Die Bibel Mohammed

    Während im Christentum das Wort Gottes nicht die Bibel, sondern Jesus Christus ist (Er ist das Wort, das vom Vater ausgeht [Joh 1,1f], ihn bezeichnet die Kirche als den »Logos«, das Wort Gottes), nimmt diese absolute Position im Islam der Koran ein. Der Koran ist nicht wie die Bibel Menschenwort, das Gottes Wort in sich birgt – der Koran ist direktes Wort Gottes. Mohammed ist Zeuge und Diener des Korans.

    Diese Verschiebung ist fundamental. Denn nun verbietet sich jede Veränderung am Koran (sogar jede Übersetzung ist ein Verrat am Wort Gottes, der Koran kann gültig und verbindlich nur auf arabisch gelesen werden); jede zeitgeschichtliche Einordnung oder Differenzierung (wir nennen dies die »historisch-kritische Methode«) ist verboten und eine Verfälschung. Der Hinweis, Teile des Korans seien in Zeiten der Unterdrückung des Islams geschrieben, andere Teile in Zeiten der islamischen Machtfülle und deshalb anders zu lesen, bedeutet eine Herabwürdigung des Korans auf die Ebene eines menschlichen literarischen Produktes.
    Diese Zementierung gab es nicht schon immer: Bis ins 11. Jahrhundert durfte und wurde der Koran interpretiert und ausgelegt – der berühmte islamische Gelehrte Averroes schrieb ein wichtiges Werk über die Auslegung des Korans mit dem sperrigen Titel »Die entscheidende Abhandlung und die Urteilsfällung über das Verhältnis von Gesetz (Scharia) und der Philosophie«. Darin vertritt Averroes auf dem Weg der logischen Beweisführung die Auffassung, dass der Mensch nicht nur das Recht hat, den Koran auszulegen (»Tawil«) und zu kommentieren (»Tafsir«), sondern sogar die Pflicht hat, ihn auf die authentische Bedeutung für die jeweilige Zeit zu interpretieren.
    Aber wenig später kamen die islamischen Gelehrten darin überein, dass nun das »Tor der Auslegung« geschlossen sei – seitdem hat es zahlreiche Vorstöße gegeben, das »Tor der Auslegung« wieder zu öffnen, die aber am Gewicht der Tradition und der Angst, gewonnene Sicherheiten in Frage zu stellen, gescheitert sind.
    Die Bibel dagegen kann sehr wohl differenziert gelesen und muss aus ihrer jeweiligen historischen Situation heraus verstanden werden. Nicht die Bibel ist das Wort Gottes, sondern Jesus! Deshalb ist das Christentum ja auch nicht in erster Linie eine Schriftreligion – wie man so oft und immer noch lesen kann.
    Das überrascht natürlich. Nicht immer hat man sich an diese Unterscheidung erinnert; und noch heute beantworten wir die Lesung im Gottesdienst mit »Wort des lebendigen Gottes«. Aber wir sagen eben nicht: »Worte« des lebendigen Gottes – weil das, was Gott uns sagt, in die Worte menschlicher Autoren gegossen wurde.

    Angesichts des Gespräches mit dem Islam – aber auch in der Diskussion mit fundamentalistischen Tendenzen innerhalb der christlichen Konfessionen – ist es sinnvoll, an diese Unterscheidung stärker zu erinnern.
    Wir reden also nicht mit gleichen Begriffen und einheitlichen Vorverständnis über zwei konkurrierende Religionsstifter und zwei parallele »Heilige Schriften« – und können deshalb im Gespräch mit Muslimen aneinander vorbeireden, wenn wir diesen Unterschied vergessen.“

    http://www.k-l-j.de/115_christentum_und_islam.htm
    http://www.k-l-j.de/051_islam.htm

    diese in dem obigen katechese-auszug recht klar und einfach dargestellten vorstellungen mögen dem aufgeklärten und religionskritischen menschen der gegenwart abstrus vorkommen (wie vieles – nicht nur – in den christlichen religionen!), aber solche vorstellungen verhindern, daß die auch in den christlichen religionen durchaus vorhandenen fundamentalistischen tendenzen erneut militant auf staat und gesellschaft übergreifen, solange diesen tendenzen eine durchaus mäßigende theologie gegenübersteht, die die totalitäre dimension dieser glaubensrichtungen weitgehend in den privaten bereich verschiebt.

    facit:

    für die christlichen religionen sind aus theologisch-dogmatischen gründen ‚militanz‘ und ‚totalitärer zugriff‘ keine notwendigen bedingungen ihrer existenz, so daß sie diese, ohne sich selbst aufzugeben, in folge der aufklärung weitgehend einschränken und teil einer zivilgesellschaft werden konnten: religion wurde privatsache!
    für die existenz des islam waren und sind ‚militanz‘ und ‚totatalitärer zugriff‘ (forderung der unterwerfung, idee der umma) aus theologisch-dogmatischen gründen notwendige bedingungen, so daß seine dogmatik letztlich unverträglich ist mit den forderungen einer freiheitlich-demokratischen zivilgesellschaft, deren staatliche verfaßtheit nicht auf einem religiösen fundament aufgebaut sein darf. denn der islam als religion ist keine privatsache! … auch wenn viele muslime inzwischen so tun, als ob der islam eine privatsache sei!

    man sollte jedoch populistische verkürzungen wie „der Islam gehört nicht zu Deutschland“ vermeiden; sie sind kontraproduktiv, „weil sie potenzielle Intergruppenkonflikte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen aktivieren können, in Deutschland lebende Muslime ausgrenzen und Vorurteile und Ressentiments von Nichtmuslimen verstärken“ (s.u. ‚Lebenswelten junger Muslime in Deutschland‘ s.654). selbstverständlich sind auch die inzwischen in deutschland lebenden muslime ein teil dieser gesellschaft, so wie es auch deisten, agnostiker, atheisten und viele andere im traditionellen sinne nicht-gläubige menschen sind.

    staat und gesellschaft müssen jedoch dem allgemein geltenden prinzip ‚keine toleranz für die feinde der toleranz!‘ auch im konkreten falle ohne ansehen der person geltung verschaffen: die gesetze sind vorhanden; sie müssen nur konsequent angewendet werden.
    daß entschieden mehr muslime als christen mit dem prinzip der toleranz im wahrsten sinne des wortes auf kriegsfuß stehen, sollte dabei nicht übersehen werden …

    http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2012/junge_muslime.pdf?__blob=publicationFile

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