Hose, Kopftuch und göttliche Ordnung

Als Jeanne d’Arc im Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen brannte, war der letzte Anst0ß für das Todesurteil gewesen, daß sie sich angemaßt hatte, Männerkleidung zu tragen. Hundertfünfzig Jahre später berichtet in einem Reisetagebuch Michel de Montaigne von einem Transgender-Fall in Nordfrankreich, wo einige Mädchen sich verabredet hatten, „sich als Männer zu verkleiden und gegenüber der Welt auch zu leben wie solche“. Eine von ihnen verlobte sich mit einer Frau, der Fall wurde gerichtskundig und sie wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, „was ihr aber, wie sie gestand, lieber war, als wieder ein Mädchen sein zu müssen“.

Jeanne und das Mädchen von der Marne hatten Gottes Ordnung beschädigt. Im 5. Buch Mose heißt es: „Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen, und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun, denn wer solches tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Graus.“  Auch bei bibelunkundigen Zeitgenossen und Arbeitgebern in der Bundesrepublik des 20. Jahrhunderts hielt sich das göttliche Verbot bis in die 60er Jahre. Mitarbeiterinnen von Behörden  und Schülerinnen war das Tragen von Hosen nicht gestattet, von kirchlichen Einrichtungen ganz zu schweigen. Männer sollten sprichwörtlich die Hosen anbehalten. Insofern waren Frauenhosen und Minirock mehr als eine Mode – sie symbolisierten eine Revolte.

Dann kamen die Gastarbeiter beiderlei Geschlechts und überwiegend muslimischen Glaubens. Sofern sie jung und weiblich waren, fielen sie in diesen ersten Jahren nicht als Kopftuchträgerinnen, höchstens als konservativ züchtig in ihrem Kleidungsstil auf. Auch in den arabischen Ländern der damaligen Zeit war das Kopftuch die Ausnahme. Erst nach 9/11 veränderte sich das Bild deutlich, vor allem in Ländern und bei Menschen, die ihre islamische Identität klarer als zuvor zum Ausdruck bringen wollten. Im Koran fanden sie in Sure 24, 31 aber nichts Konkretes, sondern nur die Aufforderung an die gläubigen Frauen, „daß sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und daß sie nicht ihre Reize zur Schau tragen und daß sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen.“ Ähnliches hätte man auch schon bei Paulus finden können.  Im 1. Korintherbrief findet sich das rätselhaft erscheinende Gebot, die Frauen sollten „mit Rücksicht auf die Engel“ ihr Haupt verhüllen. Eine der vielen Parallelen zwischen Bibel und Koran. In diesem Fall scheint sie auf eine Stelle im 1. Buch Mose zurückzugehen, wo es in der Vorgeschichte der Sintflut heißt: „Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne“ – die „Engel“ des Paulus – „wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel.“ Gott gefiel das ganz und gar nicht. Um die Engel nicht in Versuchung zu führen, sollten sich die Frauen verhüllen, vor allem die Haare als Symbol ihrer sexuellen Attraktivität. Im Islam verwandelten sich dann die Engel in ordinäre Männer, die derart fixiert waren und sind auf Sex, daß Allah sie quasi vor sich selbst retten muß, indem er ihnen den Anblick fremder Frauen vorenthält. Das ist der Grund für die uns so sehr befremdende Geschlechterapartheid. Er liegt weniger im Frauen- als im Männerbild. Die islamische Welt ist das gesteigerte Patriarchat, und sie wird einzig durch die Augen der Männer wahrgenommen. In ihr sind die Frauen Objekte, im wesentlichen passive Objekte der Lust, „Furchen im Acker“. Allah spricht durch Mohammed nur zu den Männern und teilt ihnen mit, wie sie mit Frauen umzugehen haben. Im Paradies sind (Jung-)Frauen der allerhöchste Lohn.

Mohammed beutete den mythenschöpfenden jüdischen Genius mitsamt seinen Figuren von Adam bis Moses bedenkenlos aus. Er schöpfte aus den Quellen Altes und Neues Testament, auch aus den apokryphen Schriften (die Suren über Maria und Jesus!) und entsprechend vielfältig und verwirrend sind die Bezüge, manchmal widersprüchlich, vielfach übereinstimmend. Das Frauenbild des Patriarchats ist das gemeinsame aller drei Monotheismen. Im Laufe der Geschichte veränderte es sich in einigen Aspekten – am wenigsten im seit dem Mittelalter erstarrten Islam. Das macht den Unterschied heute aus. Es ist keine elementarer Unterschied, und das gilt auch für die Vorstellung einer ewigen göttlichen Ordnung, in die die Geschlechter mitsamt ihrer Kleidung, ihrer Subjekthaftigkeit und ihrer Objekthaftigkeit hineingestellt sind. Unveränderlich.

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