„Freude der Liebe“ unter der Scharia

Navid Kermani. der deutsche Autor, dessen Eltern aus dem Iran stammen und der sich zum schiitischen Islam bekennt, hat kürzlich einen Roman geschrieben: „Große Liebe“. Darin beleidigt er zwar nicht den Propheten, aber er führt ein erotisches Konzept vor – die voreheliche geschlechtliche Liebe zweier Gymnasiasten – das sich für seine Glaubensbrüder erst nach dem Tod erfüllen darf. Vor dem Tod ist es eine schwere, höllenbedrohte Sünde. Droht Kermani deshalb eine Fatwa? Bisher schweigen die Mullahs. 

Das berühmte Liebespaar, auf das sich der von der islamischen Mystik beeinflußte Kermani immer wieder bezieht, heißt „Laila und Madschnun“. Das Paar ist die arabisch-persische Ausgabe von Romeo und Julia. Aber während die beiden Veroneser Liebenden ihre modellhafte personale Liebe bis zum Beischlaf und in den Tod vorleben dürfen, bleibt für den arabischen Schicksalsgenossen nur das Verrücktwerden. Das Denken, Fühlen und Phantasieren sowohl des Kermani-Helden wie der Sufis kreist um das Glück der Lust in der Liebe, ganz unabhängig vom Status des Liebenden – ein personales Konzept, das zwei Individuen meint und nicht ausgeweitet werden will auf die „Familie“, wenn auch die Liebe zu Gott einbezogen wird.

In der strengen Verweisung der geschlechtlichen Liebe auf Ehe und Familie begegnen sich auch in der Ära Franziskus immer noch Mainstream- bzw. Volksislam und katholisches Dogma. Zwar verdammt der gegenwärtige Papst nicht mehr wie seine Vorgänger die außerehelichen Sünder, aber auch er sperrt ihre Lust in den Ehekäfig bzw. in die Familienhölle und dämpft damit ganz im Sinne auch der Mullahs ihre anarchische Kraft. Ein nicht zu vernachlässigender Unterschied aber besteht darin, daß das islamische Ehekonzept (Eins+Vier) gar keine personale Liebe vorsieht,  ja sehr viele Männer, die aus Gründen der Arithmetik keine Frau finden können, lebenslang von den „Freuden der Liebe“ abhält. Außerhalb dürfen sich in ihrer Jugend die Geschlechter nicht einmal begegnen, um vielleicht in Freiheit und unverschleiert die Liebe zu finden, wie es Romeo und Julia auf dem Fest passiert. Sie werden rigoros separiert und die „Reize“ der schöneren Hälfte  verhüllt. Feste, auf denen beide Geschlechter sich treffen könnten, gibt es nicht (Heute allerdings Kontaktbörsen im Internet). Von Mohammed ist ein unmißverständlicher Hadith überliefert: „Es ist besser, daß einem von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestoßen wird, als daß er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf.“ Das Denken der so radikal Separierten kreist weniger um die „Liebe“ als fiebrig um Sex. Gewalt gegen und tägliche Jagd auf Frauen ist eine der bekannten Konsequenzen. Im Paradies wird alles wieder in einer unendlichen Jungfrauenbeschlafung ausgeglichen. Das eheliche Liebesleben unterdessen  hat seine zentrale Regel in der Bereitschaft der Frau, ihren Gatten, wann immer diesem danach ist, zum Liebesakt einzulassen. Wenn sie nicht pariert, darf er sie bestrafen. Liebe unter der Scharia.

Einer der schönsten Texte über die erotische Liebe steht im Alten Testament: das Hohelied. Auch dieser Hymnus an den Eros wurde von den alten Männern der Kirche mißbraucht und sakral verhunzt: Er soll demnach die Liebe Christi zur Kirche symbolisieren oder die Einheit von Seele und Gott. Da wollten die Muslime nicht nachstehen und deuteten die verrückte Liebe Madschnuns als das ewige Streben nach Gott.  Auf diese Weise versichern sich die alten Männer des Patriarchats, auch wenn sie verschiedenen Stämmen angehören, der Herrschaft über all jene, die in der Liebe zu „Gott“, nicht zu einem Menschen,  deren höchstmögliche Steigerung suchen.

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Eine Antwort zu „Freude der Liebe“ unter der Scharia

  1. Grauwolf schreibt:

    das hohe lied „von den alten Männern der Kirche mißbraucht und sakral verhunzt“ ???
    na, das ist ja wohl ein blinder rundumschlag … der zufällig den konservativen geist des ‚Katechismus der Katholischen Kirche‘ (aus dem jahre 1997) trifft.

    der Dreyzack möge sich doch bitte an den merkvers der studenten des mittelalter zum vierfachen schriftsinn erinnern, auch wenn dieser im §118 des oben genannten Katechismus als heute noch gültiges exegese-modell zitiert wird:

    „Littera gesta docet, quid credas allegoria.
    Moralis quid agas, quod tendas anagogia.“

    „Der Buchstabe lehrt, was geschehen ist;
    die Allegorie, was zu glauben ist;
    der moralische Schriftsinn, was zu tun ist;
    der anagogische Schriftsinn, was zu hoffen ist.“

    wenn das hohe lied früher u. a. auch als lied der liebe zwischen der Seele und Gott gedeutet wurde, so erscheint uns diese deutung aus heutiger sicht als sehr kühn.
    doch die auslegungen des hohen liedes im mittelalter sind ein interessantes beispiel für die vom heiligen geist inspirierte interpretatorische phantasie dieser zeit und teil abendländischer kultur.
    der Dreyzack dagegen hat sich offensichtlich den standpunkt des im Genf des reformators Calvin lebenden humanisten Sebastian Castellio zu eigen gemacht, der den zorn aller genfer bürger damit erregte, daß er behauptete, das hohe lied sei einzig und allein ein erotisches gedicht und nichts darüber hinaus … auch wenn der Dreyzack sicher nicht dessen ansicht teilt, das hohe lied müsse folglich aus dem biblischen kanon ausgeschlossen werden …

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