„Amoris Laetitia“ – oder: Was ist Aufklärung?

Franziskus, der Menschenfreund, hat ein Lehrschreiben geschickt an die Rechtgläubigen, das er lange mit den Synodenvätern bedacht hat. Es geht wesentlich um jenen innersten Kern menschlicher Intimität und jene Glücksquelle geschlechtliche Liebe, deren die „Väter“ aufgrund selbstgewollter Seelenverkümmerung und Fleischesverdorrung nie teilhaftig geworden sind. Gerade deshalb scheinen sie, als distanziert-sachliche Beobachter, qualifizierte Experten für die „Liebe als Passion“ (Luhmann) zu sein.

Es muß wohl im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert genug Menschen auch außerhalb der islamischen Welt geben, die auf solche paternalistischen Leitfäden zur Gestaltung ihres täglichen privaten Lebens („Es ist gut, den Morgen immer mit einem Kuß zu beginnen“) angewiesen sind, weil ihnen sonst jede sinnvolle Gestaltungsmöglichkeit und auch die Fähigkeit zur Sündenabwehr abhanden käme. So die Unterstellung einer Kirche, die, was ihren „Kopf“ betrifft, aus alten Männern besteht und offenbar nicht verstanden hat, daß sie die Verlängerung einer viel älteren „Kirche“ ist, zu der zu gehören heute fast als unanständig gilt: dem Patriarchat. Dort herrschen seit über 5000 Jahren jene alten Männer, und niemand weiß  so recht, woher sie ihre Herrschaftsanmaßung beziehen und die Einsicht in die Unmündigkeit ihrer Schäflein. Um auf entsprechende Fragen eine nicht völlig sinnlose Antwort geben zu müssen, erfanden sie den „Heiligen Geist“, sozusagen eine Ecke der göttlichen Dreyzack-Ausgabe, wo der trinitarische Gott als Geist seine über die Heiligen Schriften hinausgehenden aktuellen Direktiven mitteilt. Die „Eingießungen“ des Spiritus Sanctus gelangten, so wird postuliert, wie schon seit je auch im aktuellen Sendschreiben über die Liebe in die Köpfe und Seelen der zwar alten aber gleichwohl inspirierten Männer. Wen verwirrt, daß der Heilige Geist alle paar Dekaden seine Meinung etwa zum Sex ändert (man denke an „Pillenpaule“), darf sich nicht wundern, denn die Wege des Herrn sind auch vom Papst nicht zu durchschauen. Er bleibt auf die aktuellen „Eingießungen“ angewiesen. Und die scheinen irgendwie vorsichtig auf Umfragen zu reagieren.

Diese Umfragen ergaben im Vorfeld des heiklen Lehrschreibens, daß die Kluft zwischen Kirchen-Lehre und Lebens-Wirklichkeit derer, die für Gläubige gehalten werden, unterdessen schier unüberbrückbar geworden ist. Die Gläubigen halten sich einfach nicht daran, und gehen als Wiederverheiratete einfach zu einem anderen Priester, wenn es sie nach dem Blut Christi dürstet. Anders ist es natürlich in anderen christlichen Weltgegenden, etwa in Afrika, wo sexualphobisches Denken im Glauben konstitutiv ist. Dort, in einem häufig feindlichen bokoharamisierten Umfeld gibt nur der strenge Glaube und der Zusammenhalt der Gemeinde einigermaßen Sicherheit.

Das Elend der zerrissenen Kirche, die kaum einer der Getauften in der westlichen Welt mehr als lebensbestimmende Autorität anerkennt, geht also zurück auf die Globalisierung. In der westlichen Welt hat sich innerhalb  der christlichen Religion eine Sonderform der Aufklärung durchgesetzt: als Ausgang aus der unverschuldeten Rechtgläubigkeit. Wer sich einer Taufe nicht entziehen konnte, kann das später nachholen. Das hat er seinem muslimischen Glaubensgenossen voraus. In anderen Weltteilen quillt der Glaube nachgerade ungeheuer vielfältig sektenförmig auf. Auch darunter leidet die Mutterkirche. Sie definiert diese abweichenden Formen als „Aberglaube“, ohne die abergläubischen Balken im eigenen Auge (etwa Exorzismus, Dämonenglaube) zu thematisieren.

325 Paragraphen Handreichung für die „Freude der Liebe“ – eine Zumutung für eine mündige, erwachsene, im eigentlichen Sinn aufgeklärte Gesellschaft, die Basis jeder demokratischen Ordnung. Die Kirche konnte noch nie dem Hang widerstehen, ihre Mitglieder zu entmündigen, letztlich zu infantilisieren. Dieses Geschäft betreibt sie jetzt weniger mit schwarzer Pädagogik (Höllenstrafen), sondern mit aufgesetzter Freundlichkeit eines lächelnden Pontifex. Im Kern hat sich nichts geändert. „Liebesfreude“ bleibt in der Familie. Der Rest ist Sünde.

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3 Antworten zu „Amoris Laetitia“ – oder: Was ist Aufklärung?

  1. Said schreibt:

    Ab Absatz 150 wird es interessant..

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  2. Grauwolf schreibt:

    Amoris laetitia – Dogmatik in undogmatischer Sprache?

    „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche.“ So der erste Satz der Enzyklika. Auch bei nur oberflächlichem Lesen des in deutscher Übersetzung ca. 300 Seiten umfassenden Schreibens des Papstes wird ihr pastoraler Schwerpunkt deutlich; die dogmatischen Implikationen werden dagegen weniger sichtbar. Deswegen wird der Nichtkatholik manches merkwürdig bis widersprüchlich finden. Ob die Enzyklika für den Lebensalltag katholischer Christen und in der ‚Seelsorge‘ hilfreich sein wird, muß sich in der Praxis zeigen. Der Renegat muß dies eher bezweifeln. Denn er kennt das katholische System der Glaubens- und Sittenlehre von Innen und weiß, daß es in ihr keine ‚Liberalisierung‘ geben kann; denn vor der pastoralen Zuwendung steht immer der Betonbau der Dogmatik, den auch Franziskus als Papst vor jedem Angriff schützen muß und wird. …

    Papst Franziskus „verzichtet auf lehramtliche Entscheidungen in strittigen Fällen (vgl. AL 3)“ : so Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg in der ersten deutschen Stellungnahme zur nachsynodalen Enzylika …

    und man kommt ins Grübeln: denn der 56jährige Bischof Voderholzer ist nicht irgendwer in der Hierarchie der Amtskirche. Papst Franziskus ernannte Voderholzer am 28. Mai 2014 zu einem der 23 Mitglieder der vatikanischen Congregatio pro doctrina fidei.

    (Der Vorgänger Voderholzers auf dem Bischofsstuhl in Regensburg war dessen akademischer Lehrer Gerhard Ludwig Müller, 2012 von Papst Benedikt XVI. zum Kardinalpräfekten der Glaubenskongregation ernannt. Sein Vorvorgänger im Amt des Präfekten war – während des Pontifikats von Johannes Paul II. – Joseph Kardinal Ratzinger, der spätere Benedikt XVI., ehemals Professor in Regensburg; ihm ist ein Akt historischer Aufklärung zu verdanken: er öffnete das bislang geheime Archiv der Glaubenskongregation. … … Nichtsdestoweniger: Konservative deutsche Dogmatiker der Gegenwart in vorderster Front als Verteidiger des rechten Glaubens? Vielleicht hat man ja etwas gut zu machen: 2017 ist Luther-Jahr … Und Benedikts ‚Regensburger Rede‘ war ja unmißverständlich mißverständlich … Honi soit qui mal y pense!)

    Aber zurück zu Bischof Voderholzers Diktum: Ist es nur Beschreibung eines Factum oder sehr zurückhaltend formulierte konservative Kritik an der Enzyklika? – „verzichtet auf lehramtliche Entscheidungen in strittigen Fällen”, so heißt es. Nimmt Papst Franziskus seine dogmatische Richtlinienkompetenz nicht hinreichend wahr, wie man es doch von einem Papst erwarten könnte, insbesondere da dieser Jesuit war? Franziskus als eine eine Art vatikanische Angela Merkel?

    Bischof Voderholzers jüngerer Amtsbruder im benachbarten Passau, Bischof Oster, wurde im vergangenen Oktober schon etwas deutlicher als die nun veröffentlichte Enzyklika: er postete auf facebook sein Verständnis von der ‚Freude der Liebe‘ in persönlicher, sprachkritischer Intervention, in der er den tendenziellen ‚Neusprech‘ mancher Synodenväter kritisiert: “Zwar war auch bislang schon immer klar, dass Sex zwar unglaublichen Spaß machen und tief und schön empfunden werden kann, dass er aber im Altsprech trotzdem Sünde hieß, wenn er außerehelich war. Sex kann nämlich beispielsweise auch dann als schön und tief empfunden werden oder großen Spaß machen, wenn man dabei die Ehe bricht.” Es ist anzunehmen, daß der ehemalige Professor für Dogmatik, seine Habilation wurde übrigens von Voderholzer betreut, zumindest weiß, worüber er schreibt. Er ist ein Spätberufener: vor 15 Jahren wurde der heute 51jährige ehemalige Journalist zum Priester geweiht.

    Immerhin: es gab 181 „Gefällt mir“-Angaben und 52 Kommentare !

    (Nachtrag zur Erinnerung: In der vatikanischen Glaubenskongregation sitzen die vom Papst bestimmten obersten Glaubenswächter der ‚unius, sanctae, catholicae et apostolicae ecclesiae‘. Die Aufgabe dieses Wächterrates ist radikal antiaufklärerisch: der Schutz der Gemeinschaft der Gläubigen vor Häresien in Glaubens- und Sittenlehre. Dieser Wächterrat wurde von Papst Paul III. 1542 als Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis („Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition“) eingerichtet. Die bekanntesten abgeschlossenen Fälle, die in diesem Wächterrat verhandelt wurden, sind die Fälle Giordano Bruno und Galileo Galilei; der Fall Martin Luther konnte damals aus den bekannten politischen Gründen nicht zufriedenstenstellend abgeschlossen und ad acta gelegt werden.)

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