Gläubige, Abergläubige und Ungläubige

Der Mensch in der Moderne ist zerrissen. Er weiß, daß man Dinge, deren man einst sicher war, im Zeitalter von Wissenschaft und Aufklärung nicht wissen kann – etwa wer „Gott“ sei oder ob es „Unsterblichkeit“ gebe. Er fühlt sich gleichwohl wie beim täglichen Brot angewiesen auf das Nicht-Wissbare in der Annahme, seine Leben wäre sinnentleert ohne die Essentials Kants: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Dies mag wohl im individuellen Fall zutreffen. So bei dem prominenten Wissenschaftsjournalisten Martin Urban, der ein Buch unter dem Titel „Ach Gott, die Kirche! Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation“ geschrieben hat.

Urban repräsentiert eine Haltung, die man mit sportlichen Metaphern wie „Drahtseilakt“ oder „Spagat“ beschreiben könnte. Sie ist heute, was Religon betrifft, weit verbreitet, auch und gerade unter „Gebildeten“. Urban ärgert „das menschliche Geschwätz über Gott“. Alles Reden über Gott sei „Spekulation“. Im Lichte der Wissenschaft sei aus dem Glauben Aberglauben geworden. Es seien die Konservativen, die Bibeltreuen, die Naiv-Gläubigen, die Pietisten, die Evangelikalen, die in Gemeinden, Gremien und Ämtern den Ton angäben. „Die Kirche,“ sagt Urban im Interview, „rutscht ab in den Fundamentalismus, indem sie die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht beachtet. Man kann nicht mehr einfach von Offenbarungen sprechen, vom Heiligen Geist.“ Und Jesus? „Jesus ist nicht Gott geworden, sondern Jesus ist gottbegnadeter Mensch gewesen.“

Großartig! Warum bitten wir nicht Urban um Mitarbeit am DREYZACK? Darum: „Es ist mir wichtig, meiner Kirche, in die ich hineingeboren und in der ich aufgewachsen bin, treu zu bleiben“ Und dann nennt er Martin Luther noch einen „Aufklärer“. Man bleibt aus einer Art Bequemlichkeit da, wo die Kontingenz (vulgo: „Gott“) einen hingestellt hat, glaubt weder an die Göttlichkeit Christi noch an die Auferstehung – und nennt sich einen „Christen“.  Man ist „Christ“, ohne es zu sein, weil das so üblich ist und weil sowieso niemand mehr weiß, was einen Christen von einem anderen Gläubigen unterscheidet. Besonders unverständlich ist bei einer solchen Einstellung der Vorwurf an die Kirche, sie entwickle sich zu einem „bloßen Sozialverein“.

Auch hier liegt der Verdacht nahe, daß wir es mit einer „Phobie“ zu tun haben – mit einer „Atheistophobie“. Also mit der Angst, als wahrhaft Ungläubiger identifiziert und vielleicht von „Gott“, falls es ihn doch gibt, in die „Hölle“, die es möglicherweise auch gibt, geschickt zu werden.. Das Seil schwankt, und der Seiltänzer kommt ins Schwitzen: Nein, ich trete nicht aus! Ich kann zwar nicht an die Offenbarung glauben,  aber an Jesus, der das „Humanum“ in die Welt gebracht hat. N.B.: Die Atheisten nennen sich auch „Humanisten“, denn sie wollen nicht das Kainsmal des Nihilismus tragen. Auch sie wollen „glauben“ – etwa an den „Menschen“. So fürchtet sich jeder, dem „Reich des Bösen“ zugerechnet zu werden, falls er nicht glaube. An was oder wen auch immer.

Statt ernst zu machen mit einem Ohne-Wenn-und-Aber-Unglauben, was die Transzendenz betrifft, und endlich in der Immanenz das einzige Leben zu leben, das  man mit der Geburt erhielt, zu leben mit Mitmenschen, an deren Menschlichkeit zu glauben durch berechtigte Skepsis einzutrüben wäre, und die zu lieben, die es wert sind – statt dessen bekriegen sich und schlachten sich überall die Menschen ohne jede Menschlichkeit – etwa um der Ehre von Göttern willen, die beleidigt worden seien.

Heute glauben wir Anhaltspunkte dafür zu haben, daß der Neandertaler das Jenseits und die Unsterblichkeit erfunden hat. Der Neandertaler war sicher eine bewundernswerte Hervorbringung der Evolution, aber wäre es nicht an der Zeit, als Homo sapiens sapiens den Neandertaler in uns zu überwinden?

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2 Antworten zu Gläubige, Abergläubige und Ungläubige

  1. Atheist42 schreibt:

    Lass doch den Menschen ihren Glauben und Aberglauben. Das gibt Halt und Sicherheit. „Die Welt“ ist ein kalter Ort und niemand nimmt sich einem an. (Glaub ich nicht, aber die Gläubigen). Daher muss die Welt mit (göttlicher) Liebe geträngt werden. Je einfacherer die Massage (Katholizismus, Islam, WhatsApp) {in absteigender Reihenfolge A.d.A} umso erfolgreicher. Aber immer ist dort die Arroganz – oder doch Unsicherheit? – der Gläubigen gegenüber den Atheisten: nämlich moralisch in der Vorhand zu sein. Niemals würde ein Gläubiger auf einen Atheisten Rücksicht nehmen. Ich erlebe des öfteren, dass Gläubige -ungefragt- Tischgebete sprechen, bei mir am Tisch. Das ist schlicht überfriffig! Mit Gläubigen verhält es sich wie mit Rauchern zu Nichtrauchern. Der Atheist muss permanent die Ausdünstungen der Gläubigen ertragen. (Kirchenglocken, den Muezzin vom Minarett, Weihrauch, Morgenandacht, Tischgebete im eigenen Haus). Wenn die Atheisten sich in selber Weise breit machen würden….nicht auszudenken. Aber es war ja schon immer so. Nur für’s Protokoll: „Nein! Stalin, Pol Pot, Hitler, Mao und die Kims waren keine Atheisten und auch keine säkularen Gesellschaften. Obige waren Hohenprister bzw. Ersatzgötter ihrer eigenen Rekigion und machten ihr Volk zu Gläubigen. Siehe VR Nordkorea heute noch“.

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  2. Grauwolf schreibt:

    Was gehört zu Deutschland?

    „Ja, wir haben Nachholbedarf, ich nenne nur als Beispiele: Integrations- und Sprachkurse für die ganze Familie, Unterrichtsangebote in den Muttersprachen, islamischen Religionsunterricht von hier ausgebildeten Lehrern und selbstverständlich in deutscher Sprache. Und ja, wir brauchen viel mehr Konsequenz bei der Durchsetzung von Regeln und Pflichten ­ etwa bei Schulschwänzern. Das gilt übrigens für alle, die in unserem Land leben.Zuallererst brauchen wir aber eine klare Haltung: Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

    zugegeben: die formulierung von bundespräsident Wulff war in ihrer arg verkürzenden tunnelblick-darstellung komplexer sachverhalte etwas zu griffig und daher mißverständlich … zudem hieße dies weiter gedacht: der atheismus – er sei hier nur als beispiel genannt! – gehört nicht zu deutschland, auch wenn viele deutsche sich eine mehr oder weniger konsequent gedachte und gelebte atheistische grundhaltung zu eigen gemacht haben …
    und daß Wulff mit seinem satz den auf der scharia basierenden islam verschiedenster ausrichtungen gemeint haben könnte (und einen islam ohne bezug auf die scharia gibt es wohl nicht!), kann ihm auch der böswilligste nicht unterstellen …
    bundespräsident Gauck hat Wulffs äußerung daher später modifiziert, als er von den muslimen sprach, die inzwischen in deutschland leben …
    daß mancher gläubige muslim, ob er nun deutscher staatsbürger ist oder mit einem anderen status hier lebt, größere probleme als sein nicht-muslimischer nachbar hat, seine lebensweise so zu gestalten, daß er nicht in konflikt mit den in Deutschland geltenden gesetzen gerät, ist hinlänglich bekannt.
    die vom grundgesetz garantierte religionsfreiheit darf nämlich nicht als totale freiheit der religionsausübung verstanden werden. dies gilt für alle in deutschland lebenden, ohne rücksicht auf die religiöse oder nicht religiöse weltanschauung.
    niemand sollte glauben und kulturelle tradition über die geltenden gesetze stellen …
    Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29): mit der konsequenten befolgung dieses satzes wäre kein rechtsstaat zu machen sondern nur ein gottesstaat …
    (dazu ausführlicher Schachtschneider s.u.)

    http://www.deutschlandfunk.de/der-islam-gehoert-zu-deutschland-die-geschichte-eines-satzes.1783.de.html?dram:article_id=308619

    http://www.kaschachtschneider.de/component/content/article/2-aktuelles/23-verfassungswidrigkeit-islamischer-religionsausuebung-in-deutschland.html

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