Gott ist auch nur ein Mensch

Erdogan wird immer gläubiger und wirkt dabei immer beleidigter. Die Charlie-Hebdo-Attentäter waren mordsmäßg beleidigt, weil Mohammed beleidigt worden war. Alle Muslime sind (im Modus der Generalverdächtigung) latent beleidigt, weil niemand sie so richtig mag. Viele Christen sind es immer noch, weil es Atheisten und andere Apostaten gibt, und sie waren es es in Zeiten der Inquisition noch unverstellter, u.a. weil es Juden gab, die sich nicht bekehren lassen wollten. Schließlich war ja  Gott selbst beleidigt. Damit konnte und wollte er nicht leben und forderte Sühne. Sein Sohn bot sich an, und wie die Sache gehändelt wurde, haben wir gerade rituell nachvollzogen. (An dieser Stelle sind Einwände und Richtigstellungen von Theologen willkommen).

Die Bereitschaft, sich beleidigen zu lassen, verlangt eine psychologische Deutung. Sie hat etwas mit Weltwissen, Selbstbild, Identität und Ehrbegriff zu tun, auch mit der Wahrnehmung der Gesellschaft als eher vertraut oder fremd, freundlich oder feindlich gesonnen. Wenn der Beleidiger, der nicht gerade gewalttätig wird, auf jemand trifft, der seiner selbst und seiner Sache sicher ist, wird er es schwer haben, Übersprungshandlungen wie Duelle oder Morde zu provozieren. Im Zweifel antwortet der Beleidigte mit Argumenten für sich und seine Sache. Wer allerdings schon immer geahnt hat, daß seine Sache auf unsicherem Boden steht, der immer schwankender wird – wie der der Religionen in der modernen Welt – wird den Zerfall seiner inneren Sicherheit eher in der Form des Beleidigtseins, dann auch des gewalttätigen Umsichschlagens ausdrücken. Wäre er seiner Sache – des Glaubens, der Existenz seines Gottes, der Unsterblichkeit etc. – sicher, wären ihm die Ansichten Ungläubiger dazu nur Anlaß, diese Ungläubigen zu bedauern. Jeder, der sich nicht geborgen fühlt im Haus seiner Kirche, Tempel, Synagoge oder Moschee, in den Armen einer Gottesmutter oder des Gottes selbst, jeder der dem Tod ins hohle Auge sieht als einem Endgültigen, müßte, sofern der Glaubende empathiefähig ist, dessen Mitleid in jeder Begegnung erfahren.

Atheisten wissen, daß dem nicht so ist. Nie werden sie von Gläubigen bedauert, nie spenden diese ihnen Trost, auch wenn „Nächstenliebe“ häufig im frommen Sprachgebrauch vorkommt. Im Gegenteil. Vielfach schwankt nach einem Gespräch über Religion und ihre psychologischen Hintergründe oder nach Lektüre eines Buches wie Sigmund Freuds „Totem und Tabu“ das Glaubensgebäude. Kant-Leser an der Schwelle zum 19. Jahrhundert wurden regelrecht aus der Bahn ihrer Offenbarungsgläubigkeit geschleudert. Und die waren keine alten Mütterchen, sondern philosophisch gebildete Zeitgenossen. Wer einmal wie der Verfasser dieser Zeilen an  einem theologischen Seminar über Nietzsches „Antichrist“ teilnehmen durfte, sah das blanke Entsetzen angesichts der Möglichkeit eines bevorstehenden Gottesverlustes in manchen Studentenaugen. Legion sind die Berichte über solchen Gottesverlust in der Pubertät. Der „Kinderglaube“ sei abgestreift worden, heiß es. Zum Trost (oder auch nicht) mag an dieser Stelle bekräftigt werden, daß es sinnlos ist, zwischen Glaube, Aberglaube und Kinderglaube zu unterscheiden. Es gibt nur den Glauben.

An diesem festzuhalten wie an den Röcken der Mutter empfiehlt der mitfühlende Atheist seinen gläubigen Mitmenschen. Er ahnt das schwarze Loch, das Nichts, das sich für die meisten auftun würde, ließen sie die Röcke los und blickten in die offene Welt. Kein Sinn, gar nichts. Da hülfe nur Ungläubige Spiritualität, aber die muß mühsam erarbeitet werden – draußen in der schönen kalten gottlosen Welt.

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