Ungläubige Spiritualität

Viele Christen haben gerade das „Hasenfest“ gefeiert. Andere freuten sich schlicht  beim klassischen Spaziergang und nicht in der Kirche angesichts zaghaften Vogelgesangs und durchbrechender Krokusse über den zarten Frühling. Kreuz und Auferstehung, die zentralen Symbole bzw. Ereignisse des Christentums, sind für viele entweder unakzeptabel weil zu grausam oder ungeglaubt weil jenseits aller modernen wissenschaftlichen Welterfahrung. In einem zunehmend säkularisierten Formal-Christentum wissen die meisten Eltern noch nicht einmal, worin die Taufe ihrer Kinder, auf die sie nicht verzichten, ihren Sinn hat. Die aus den wehrlosen Täuflingen hervorgehenden Kinder und Jugendlichen sind dann quasi glaubenslose „Christen“, in der Moderne und Postmoderne kein Widerspruch. Der Philosoph Herbert Schnädelbach schreibt in seinem Buch „Religion in der modernen Welt“ (2008): „Die meisten Zeitgenossen sind keine Christen mehr, aber sie wissen gar nicht, warum sie es nicht mehr sind und was das Christentum einmal bedeutete.“ Viele glaubenstreue Christen hingegen bedauern diese Entwicklung und verweisen auf die muslimischen Familien und Gemeinschaften im Lande, die einen viel „konkreteren“, die Rituale streng befolgenden Bezug zu ihrem Glauben haben, als „Vorbilder“. Wenigstens einmal täglich beten wenn schon nicht fünfmal wäre ja schon ein „Fortschritt“ beim Rückschritt zum Glauben..

Irgendwann in den 1970/80er Jahren trat an die Stelle der zunehmend belächelten „Frömmigkeit“ vor allem in katholischen Kreisen die „Spiritualität“. Die meinte eine weniger an Kirche und Rituale gebundene Beziehung zur Transzendenz als eine mehr innerlich-individuelle Weise, sich dem Mysterium, dem Heilgen, dem Ganz Anderen (Göttlichen) zu nähern. So könne man der Kälte der entzauberten Welt entkommen. Der atheistische Buddhismus etwa erwies sich als zwar exotisches aber sehr attraktives Angebot. Sogar das Bedürfnis nach Unsterblichkeit wurde dort mittels eines nicht ganz verstandenen Wiedergeburts-Glaubens bedient.

Den wenigen Hardcore-Atheisten, die sich auch dem lauen Agnostizismus verweigern, wird nicht ohne mitfühlendes Bedauern unterstellt, sie lebten in einer kalten Welt unmenschlicher Lieblosigkeit, ohne Lebens-Sinn und ohne Bewunderung für die Schöpfung um sie herum, die ja Gottes zweites Buch sei, worin, wie es im Lied heißt, er aufgeschrieben habe, wie treu er uns sei. Offenbar scheint, so kann man die Kritiker des New Atheism lesen, das Menschliche selbst mit dem Gottesverlust verloren zu gehen. Einem im eigentlichen Sinn „kalten“ Vertreter der Vernunft-Religion, Kant, der jede Offenbarungs-Religion als „Frohn- und Lohnglaube“ zurückwies, wird von einem hoffnungsvollen deutschen Jungphilosophen (Markus Gabriel) nachgesagt, er sei „zutiefst religiös“ gewesen – wohl um die Menschlichkeit des Königsbergers zu retten. Kant jedenfalls hätte sich für solchen Rettungsversuch bedankt.

Ein moderner Vertreter der Philosophenzunft, Hans Blumenberg, ist der Frage nachgegangen, warum ungläubige Zeitgenossen gleichwohl von einer Spiritualität erfaßt werden können, wie sie Bachs Matthäus-Passion enthält, obwohl ihre theologische Botschaft unzumutbar sei: „Nichts ist für den glaubensarmen Zeitgenossen an den Voraussetzungen der Matthäuspassion widerständiger und unzugänglicher als der Gott, der zu beleidigen ist: von seinem debilen Geschöpf und bis zur erbitterten Forderung nach einer ebenso unfaßlichen Sühne.“ Dieser Gott ist so menschenähnlich grausam, daß seine Herkunft aus menschlicher Werkstatt früh erschlossen wurde – und doch ist der Hörer, der dies durchschaut hat, „zutiefst“ ergriffen, wenn die Altstimme eben jenen fabrizierten Gott bittet, sich zu erbarmen. Bachs Musik, die menschliche Verzweiflung des Textes ohne theologischen Kontext, ist von transzendierender Spiritualität, die das Ganz Andere im diesseitigen Menschen selbst aufdeckt. Dies zu begreifen, ist dem Atheisten nicht nur im Kirchen-Konzert zu Karfreitag gegeben, sondern auch beim Gang durch Wälder und über Gebirgskämme, wo er die  ungeheure und so fragile Schönheit des Planeten erfährt, auf den ihn kein Gott gesetzt haben muß, um ihrer teilhaftig zu werden. Oder der Ungläubige, wenn er männlich ist, liebt eine Frau so sehr, daß sie für ihn zur „Göttin“ wird. Nichts fehlt ihm in der Umarmung weniger, als ein Gott, der ihm, wenn er abrahamitisch geglaubt wird, dies Glück außerhalb der Ehe verbietet. Die Möglichkeiten für spirituelle Erfahrungen sind grenzenlos für den Ungläubigen, dagegen rigide begrenzt von den Vorschriften der Religion. Zugespitzt könnte man sagen (ohne den Mystikern aller Glaubensrichtungen zu nahe zu treten): erst in der Gottlosigkeit erschließt sich die Spiritualität der diesseitigen Welt, in der ich ohne Furcht (vor Gericht und Hölle)  und auch ohne Jenseits leben kann. Ihre Immanenz enthält die einzige Transzendenz, derer ich bedarf.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ungläubige Spiritualität

  1. Said schreibt:

    Danke.

    Eigentlich gibt es herzlich wenig, was dem hinzuzufügen wäre. Vielleicht dann doch folgendes. Es darf im Kampfe der Dogmen nicht darum gehen, den Atheismus zu verteidigen oder zu predigen. Wer in sich das „Ganz Andere“, etwas Transzendentes, etwas Göttliches spürt, der möge es in sich wahren, daraus Kraft ziehen und ggf. nutzen, um etwas kreativ zu gestalten. Das Dogma, dem ich meinen Geist widmen möchte, ist die Frage nach dem „Warum?“! Unabhängig vom (A-)Theismus interessiert mich also, was ist das „Ganz Andere“ und warum empfinden wir es. Hier hat die Psychologie meines Erachtens deutlich produktivere Ansätze geliefert als die Philosphie oder Theologie, aber ich lerne immer gerne dazu.

    Ich bin Dir für diesen Beitrag deshalb so dankbar, weil es wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass eine zergliedernde Analyse von Empfindungen selbige nicht zerstört, trivialisiert oder gar ablehnt. Im Gegenteil: man „wird“ ganz Gefühl, in dem es in seiner Ambivalenz erkannt und angenommen wird.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Gott ist auch nur ein Mensch | Dreyzack

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s