Zyniker und Heuchler (nach Brüssel)

Wer am Tag des Schreckens die Medien beobachtete, konnte einige Indizien dafür finden, wie diese Medien im Verein mit den Politikern die „Bürger draußen im Lande“ zum angemessenen Verhalten bewegen wollten, als handle es sich beim „Volk“ um eine riesige Klippschule erziehungsbedürftiger moralisch unreifer Individuen, vielleicht den Kölner Abiturienten vergleichbar. So erinnerte der Innenminister in ungezählten Interviews daran, daß jetzt Mitgefühl und Trauer angemessen seien und nicht etwa „vorschnelle“ Analysen und „ungerechtfertigte“ Schuldzuweisungen. Der Minister – deswegen sei ihm verziehen – mußte seine Rat- und Hilflosigkeit überspielen, aber weil er das mit formelhaft gedrechselter Verbal-Trauer vorführte, erzeugte er sogleich das Gefühl, hier heuchle einer, was er so gar nicht empfinde. Man mag ihm damit Unrecht tun, zumal ein Politiker es immer schwer hat, authentisch zu sein und nicht nur zu erscheinen, aber wahre Trauer schweigt lieber, als sich abgedroschener Formeln zu bedienen.  Wer  angesichts der Bilder Trauer und Empathie empfand, mußte nicht von Regierungsseite darauf verweisen werden, er solle dies gefälligst jetzt fühlen und nicht über Zusammenhänge und Hintergründe nachdenken.

Gleichzeitig unisono als Zynikerin abgestraft wurde die AfD-Politikerin von Storch wegen ihres untraurigen, auf den ersten Blick die Terrorakte betreffenden Tweets „Hat aber nix mit nix zu tun.“ http://www.berliner-zeitung.de/politik/terror-in-bruessel-afd-abgeordnete-nutzen-anschlag-fuer-propaganda-23767858 Die Empörung darüber war entlarvend. Hier nehme jemand, statt unendlich betroffen zu sein, in zynischer Weise die Gelegenheit wahr, Werbung für die eigene Partei zu machen (BERLINER ZEITUNG). Dabei bezog sich die flapsige Bemerkung gar nicht auf den Terror, sondern auf die zu erwartenden Reaktionsformeln à la: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“. Jenen, die solche Formeln gerade wieder als letzte Weisheit der mutmaßlich islamophoben Öffentlichkeit anbieten wollten, blieb natürlich im Halse stecken, was sie gern losgeworden wären. Sie hätten sich weiterem Spott ausgeliefert, zumal ihnen allmählich aufgegangen sein müßte, daß niemand sein Leben als „Märtyrer“ opfert, wenn er nicht gläubiger Muslim ist. Unter „Krimineller“ oder „Verbrecher“ läßt er sich nur von Ignoranten kategorisieren.

Auffällig auch im aktuellen Zusammenhang ist wieder einmal, daß auch die „Experten“ das Suizid-Bomber-Phänomen auslassen in ihren Analysen, als handle es sich um Pornografie. Wer darüber spricht, muß auf das Thema „Religion“ kommen, und das ist mit Blick auf den Terror alles andere als erwünscht. Es würde die Religion und die Religiösen beleidigen, vor allem die Muslime, und man weiß ja, zu welchen Reaktionen die fähig sind. Den fatalen Jenseits-Glauben, der alle Monotheisten vereint, muß man um jeden Preis aus der Debatte heraushalten. Die Menschen bräuchten ihn nun mal, hört man in Gesprächen bei Nachfragen. Die Folge ist ein gewaltiges Tabu, das weiteres Eindringen in die religiösen Wurzeln des Terrors verhindert und verhindern soll.

Und noch ein Tabu war zu besichtigen, das einige Bösmenschen schon auf die Formel kurzgefaßt haben: „Der Datenschutz ist die wirksamste Waffe der Terroristen“. Wer das bis dato für übertrieben, wenn nicht verleumderisch hielt, wurde am Nachmittag des Terror-Tags eines Besseren belehrt. Die Polizei veröffentlichte ein Foto dreier verdächtiger Männer im Terminal, schickte sie an die Medien – und das deutsche Fernsehen verpixelte die Gesichter. Schilda wird, verglichen mit der Redaktion, die das zu verantworten hatte, von Helden des gesunden Menschenverstands bewohnt. Der Datenschutz-Junkie reagiert heute auf jedes Gesicht in einem digitalen Bild mit einem Verpixelungs-Reflex. Der Reflex schaltet das Hirn aus, wie das Reflexe in der Regel tun. Die Folgen können verheerend sein. In diesem Fall wurde, wohl auf Einspruch eines verbliebenen Hirnbesitzers hin, das Bild in der nächsten Sendung entpixelt und konnte seinen Sinn erfüllen.

 

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