Unerkannte Nähe (zur AfD)

Wenn jemand alt genug ist, sich noch an die Zeiten von Adenauer, Erhard, Kiesinger zu erinnern, wenn er damals diese gar gewählt hat als Garanten eines Weltbilds, das Mutti in die Küche, Vati an Bürotisch und Werkbank stellte, das „175er“ (Schwule) in Gefängnisse sperrte, das Wohnungsvermieter, die Sex zwischen Unverheirateten duldeten, mit dem Kuppeleiparagraphen bedrohte, das Abtreibung schlicht als Mord qualifizierte – solch einer wird sich die Augen reiben, wenn er sich heute das Programm der AfD vor Augen führt. Zwar nicht alles, was den Mief, das Ungelüftetsein der Republik von den Fünfzigern bis zum Ende der Sechziger ausmachte, findet er im Programm der angeblichen Rechtspopulisten wieder, aber er findet jenen Geist der postfaschistisch-politchristlichen Ära durchaus wieder, dem „Achtundsechzig“ den Garaus machen wollte. Das gelang bekanntlich  nicht ganz, denn danach kam Kohl, der scheinbar Ewige, aber ganz zurück zu den Patriarchen ging es nicht mehr  – Angela sei Dank.

Jetzt tritt, angeführt von einer smarten, jugendlich-kämpferischen Sächsin eine Partei auf den Plan, die verspricht, diesen Weg zurück vor „Achtundsechzig“ gehen zu wollen. Zum Wohl eines Vaterlands der kleinfamilialen Ordnung ohne Gender Mainstreaming und Schwulenehen, mit verlängerten KKW-Laufzeiten und „Selbstversicherung durch religiöse Überzeugung, Heimatliebe und Patriotismus“. Die religiöse Überzeugung ist natürlich die christliche, eher katholische, denn mit dem Weltbild des Katholizismus hat diese „Alternative“ zur Alternativlosigkeit der Kanzlerin auch viel gemein, nicht nur die Verdammung der Abtreibung. Auch das Frauenbild.

Und an dieser Stelle offenbart sich noch eine andere Nähe, wenn nicht sogar unbewußte Verwandtschaft. Das Frauenbild des Islam nämlich unterscheidet sich nur graduell vom traditionell-christlichen und eben auch nicht vom dem der AfD. Jetzt aber sickert durch, daß, nachdem die Schlacht um den Euro und die Flüchtlinge die Stimmen brachte, die erhofft wurden, ein neues Kampffeld eröffnet werden soll – der Islam. Schlachtruf: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“ Das haben sie von Pegida übernommen. (Oder doch vom DREYZACK?) Da hilft das gemeinsame Frauenbild nicht, um etwa insgesamt Verständnis für Muslime zu haben. Muß es auch nicht. Sie haben nämlich recht, die Jünger der taffen Frauke, egal welches vorzeitliche Weltbild ihnen sonst den Blick vernebelt. Der Islam – wir haben das wiederholt betont – ist ein Mißverständnis, was unsere Meinungsführer in den Medien und in der Politik betrifft. Sie haben nie verstanden, was kritische Muslime wie Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali ihnen seit langem zu erklären versuchen: Islam ist weniger eine Religion als ein System zur Regelung des Lebens unmündiger Scheinerwachsener. Er wünscht sich keine selbstdenkenden Demokraten. Er arbeitet an den Kindern mit den Methoden einer schwarzen Pädagogik, die für jene, die die Regeln nicht beachten, furchtbare Strafen androht, die meist feuriger, schmorender, siedender Art sind – und das auf ewig. Für die braven Jungs aber (bei den Mädchen weiß man das nicht so genau) gibt’s im Paradies dafür, von Allah selbst präpariert, täglich jungfräuliches Frischfleisch. Daran, daß das ein Märchen sei, glauben die, die sie „Märtyrer“ nennen, eben nicht. Nicht wenige Imame bekräftigen den Wahrheitsgehalt solcher Bordell-Visionen, um immer neue Märtyrer zu generieren. Für  den Heiligen Krieg.

Der AfD ist – wir wollen sie ja sine ira et studio, ganz unbefangen also, betrachten – das Verdienst nicht abzusprechen, wenigstens auf den Islam nicht mit vernebeltem Blick zu schauen. Der hat sich die „Angst“ (Phobie), die er erzeugt, redlich mit viel Märtyrerschweiß und -blut erarbeitet.

 

 

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11 Antworten zu Unerkannte Nähe (zur AfD)

  1. Nonnen schreibt:

    Die von vielen nicht erkannte Gefahr des Islam (= Unterwerfung) für unsere Gesellschaft wird in der Tat von der AFD deutlich angesprochen. Aber zusätzlich ist sie die einzige Partei, welche auch darauf hinweist, dass Gender Mainstreaming auch ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder ist.
    Zum Beispiel das durch die Gleichmacherei begünstigte Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig und die an sich höhere weibliche Depressionsneigung noch gesteigert werden. Vergessen der -bei der gleich nach der Geburt geforderten beruflichen Selbstverwirklichung – für Sprach- und Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung (infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib) mit der Folge von Sprach-, Lese- und Rechtschreibstörungen durch Fremdbetreuung.
    Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4 (http://www.amazon.de/Vergewaltigung-menschlichen-Identität-Irrtümer-Gender-Ideologie/dp/3) und „Es trifft Frauen und Kinder zuerst – Wie der Genderismus krank machen kann“, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-945818-01-5 (http://www.amazon.de/trifft-Frauen-Kinder-zuerst-Genderismus/dp/394581801X)

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  2. Wolfgang Koch schreibt:

    An einem kritischen Punkt ihrer Laufbahn, auf dem Bundesparteitag der CDU im vergangenen Dezember, beschwört Angela Merkel den „Gründungsimpuls der Christlich demokratischen Union“, der uns heute Kompass sein könne: „Die Idee der Gründung der CDU war eigentlich eine ungeheuerliche Idee: eine Partei, die im ‚C‘ ihre Grundlage findet, also in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen.“

    Vor diesem Hintergrund bezweifle ich Deine These, die AfD wolle an den Anfang unsere Republik zurück. Nen – AfD heißt NICHT „Adenauer für Deutschland“. Der „Gründungsimpuls der Christlich-Demokratischen Union“ ist ein anderer.

    Die politische Ikone der ’68er, Willy Brandt, schreibt über Adenauer: „Wenn manche Zeitgenossen spottend meinten, ‚der Alte‘ habe wie ein Relikt lang vergangener Zeiten bis ins Europa der Nachkriegsepoche überdauert, dann gaben sie damit zugleich unfreiwillig Aufschluss über seine Wirkung: Der Uralte hatte Werte bewahrt, die sich als unverbraucht erwiesen.“ Und mit einem biblischen Bild von äußerster Wucht veranschaulicht der Politikwissenschaftler Arnulf Baring seine Wirkung: „Im Anfang war Adenauer.“ „Unverbrauchte Werte“? Solche Formulierungen machen mich, den Nachgeborenen wach, der keine persönlichen Erinnerungen an die Adenauer-Zeit hat. Vielleicht bieten die Grundlagen dieses Mannes „im Anfang“ ebenso „unverbrauchte“ Bewer-tungsmaßstäbe für die Gegenwart.

    Der „Gründungsimpuls der Christlich Demokratischen Union“ ging jedenfalls wesentlich von Adenauer aus. Er habe die nur locker miteinander vernetzten Gründerkreise und Landesverbände der CDU überhaupt erst zu einer Partei mit Profil und Schlagkraft gemacht, urteilt Adenauers Biograph Hans-Peter Schwarz: „Das Profil war allerdings weitgehend sein eigenes, und die Schlagkraft bezog die-se Supernova unter den Nachkriegsparteien weitgehend aus dem Umstand, dass sie die Kanzlerpartei war.“

    Vor 4000 Hörern setzt eine Grundsatzrede Konrad Adenauer am 24. März 1946 in der Aula der Kölner Universität den „Gründungsimpuls der Christlich Demokratischen Union“.

    Die „ungeheuerliche Idee“ einer Partei, die „in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen“ ihre Grundlage findet, wird von Angela Merkels Vorgänger prägnant formuliert und in ihren Konsequenzen erläutert: „Der Fundamentalsatz des Programms der CDU, der Satz von dem alle Forderungen unseres Programms ausgehen, ist ein Kerngedanke der christlichen Ethik: die menschliche Person hat eine einzigartige Würde und der Wert jedes einzelnen Menschen ist unersetzlich.“ Aus diesem Satz ergebe sich eine Staats-, Wirtschafts- und Kulturauffassung, nach der weder der Staat, noch die Wirtschaft, noch die Kultur Selbst-zweck seien; sie hätten vielmehr eine dienende Funktion gegenüber der Person. Die materialistische Weltanschauung mache dagegen den Menschen unpersönlich, „zu einem kleinen Maschinenteil in einer ungeheuren Maschine, sie lehnen wir mit der größten Entschiedenheit ab“.

    Der von Angela Merkel beschworene Impuls erwächst aus einer „Gewissenserforschung“ darüber, wie der „Absturz des deutschen Volkes bis ins Bodenlose möglich“ gewesen sei, „damit wir den richtigen Weg finden zum Wiederaufstieg“. Ein wesentlicher Grund ist für Adenauer: „Das deutsche Volk krankt seit vielen Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung vom Staat, von der Macht, von der Stellung der Einzelperson. Es hat den Staat zum Götzen gemacht und auf den Altar erhoben. Die Einzelperson, ihre Würde und ihren Wert, hat es diesen Götzen geopfert.“ Der Nationalsozialismus sei nichts anderes gewesen „als eine bis ins Verbrecherische hinein vorgetriebene Konsequenz der sich aus der materialistischen Weltanschauung ergebenden Anbetung der Macht und Missachtung, ja Verachtung des Wertes des Einzelmenschen“. Diese Auffassung von der Vormacht, von der Allmacht des Staates, von seinem Vorrang vor der Würde und der Freiheit des einzelnen widerspreche dem christlichen Naturrecht: „Wir wollen die Grundsätze des christlichen Naturrechtes wiederherstellen“.

    Die christdemokratische Programmatik wurzelt also in naturrechtlichem Denken, an das Papst Benedikt XVI. (*1927) am 21. September 2011 im Deutschen Bundestag appelliert, indem er von der „Ökologie des Menschen“ spricht: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Vielleicht können wir in der Bundestagsrede Ratzingers eine Fortsetzung, der mit Habermas 2004 begonnenen Debatte sehen, die wir an anderer Stelle Deines Blogs diskutieren, Peter.

    Wie sehr Adenauer bis zum Ende seines Wirkens eine derartige „Ökologie des Menschen“ als konfessionsübergreifendes Fundament sieht, verdeutlicht er 1964: „Diese Weltanschauung über Freiheit und Würde des Menschen hat sich im Laufe der Jahrhunderte auf christlichem Boden entwickelt; sie ist gemeinsames Gut der beiden großen christlichen Konfessionen. Unsere Partei – ich wiederhole es – steht fest und unverbrüchlich auf dem Boden dieser, der christlichen Weltanschauung, dass es für den Menschen Normen gibt, die aus dem Wesen und Sein Gottes selber fließen und daher unverbrüchlich sind und nicht angetastet werden dürfen. Wenn man das Bestehen solcher Normen nicht anerkennt, dann gleitet ein Volk abwärts in Diktatur und Gewalt.“

    Aus dem „Fundamentalsatz des Programms der CDU“ ergibt sich für Adenauer ein politischer Erziehungsauftrag, der „insbesondere allen jüngeren Menschen in ihnen bisher verschlossene, jedoch allgemein gültige menschliche Überzeugungen und Haltungen öffnen“ soll: „In der heimatlosen, durcheinandergeschobenen, atomisierten Masse, als die sich jetzt unser Volk darstellt, muss jedes Einzelwesen angesprochen und zu Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl geführt werden. Wie weit das gelingt, ist heute die Schicksalsfrage unseres Volkes.“

    Für Adenauer erschöpft sich Demokratie daher nicht in der parlamentarischen Regierungsform oder gar in der Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit: „Sie ist eine Weltanschauung, die ebenfalls wurzelt in der Auffassung von der Würde, dem Werte und den unveräußerlichen Rechten eines jeden einzelnen Menschen, die das Christentum entwickelt hat“.

    Auf dieser Grundlage definiert Adenauer das Wesen seiner Partei: „Wir nennen uns christliche Demokraten, weil wir der tiefen Überzeugung sind, dass nur eine Demokratie, die in der christlich-abendländischen Weltanschauung, in dem christlichen Naturrecht, in den Grundsätzen der christlichen Ethik wurzelt, die große erzieherische Aufgabe am deutschen Volk erfüllen und seinen Wiederaufstieg herbeiführen kann. Wir nennen uns Union, weil wir alle diejenigen, die auf diesem Boden stehen, zu politischer Arbeit zusammenführen wollen, gleichgültig welchem Bekenntnis sie angehören. Wir legen Wert darauf, sogar entscheidenden Wert, in unserem Namen unsere weltanschauliche Einstellung offen und klar zu bekennen.“ Zwei Jahre später, 1948 umfasst dieses Bekenntnis auch christdemokratische Europapolitik: „Wir wollen von den geistigen Grundlagen aus, die das abendländische Christentum im Laufe vieler Jahr-hunderte geschaffen hat, in Deutschland das politische Leben neu gestalten – und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und in der Welt. Deswegen nennen wir uns Christlich-Demokratische Union.“

    Nein Peter, die AfD steht ganz und gar NICHT für diesen hoffnungsvollen und unglaublich erfolgreichen Neuanfang nach dem totalen Untergang, nach völliger materieller, moralischer, geistiger, psychologischer Zerstörung. Angela Merkels CDU oder Seehofers CSU steht übrigens auch nicht dafür. Und eine „Flüchtlingskrise“ unvorstellbaren Ausmaßes gab es damals ja noch dazu, die Du selbst so überaus eindrucksvoll bezeugst.

    Ich blicke jedenfalls mit dem allergrößten Interesse, Respekt und Bewunderung auf die Adenauer-Zeit und auf den Mann, der dieser Zeit den Namen gegeben hat. Ich muss aber auch sagen, dass mir gerade die freundschaftlichen und maximalkontroversen Auseinandersetzungen mit Dir den Blick dafür geschärft haben. Vielen Dank!

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  3. neptun16 schreibt:

    Die Wahrnehmung und Beurteilung einer Epoche, einer Kultur hängt – das ist trivial – vom Standpunkt der Beobachters bzw. Urteilenden ab. Dieser Standpunkt ist zuerst einmal das Produkt eines riesigen Zufallsgenerators, der uns nicht in Ulan Bator oder im malayischen Dschungel, sondern in München oder Chikago zur Welt kommen läßt, als Mann oder Frau, weiß oder dunkelhäutig, im Krieg oder im Frieden etc. Deshalb gibt es „die Adenauerzeit“ so wenig wie es „den Islam“ gibt. Aber es gibt doch für beide Phänomene Kriterien, mit deren Hilfe man sie von allem, was sonst noch existiert, als Idee oder materiell, abgrenzen kann.

    „Adenauerzeit“ war wie „Islam“ reines, fast unverfälschtes Patriarchat. Patriarchat ist, seinen Anhängern zufolge, vatergottgewollte, „natürliche“ Ordnung, quasi geschichtslos wie das „Naturrecht“, mit dessen Hilfe der „Mensch“ und seine „Würde“ definiert werden kann. „Der Mensch“ ist im Patriarchat aber Adam, Eva, die Frau, etwas lt. Genesis 2 und Koran von ihm Abgeleitetes und damit Herrschaft des einen über das andere Geschlecht Konstituierendes. Das ist in beiden Kulturen und auch in der jüdischen so unübersehbar ausgeprägt, daß es einer Ballung blinder Flecken bedarf, es zu übersehen (-> DREYZACK. Identifikation mit dem Aggressor).

    Adenauer war ein Bilderbuch-Patriarch, wurde von den Zeitgenossen so wahrgenommen, verehrt und auch geliebt. Die patriarchalische Ordnung wurde im christlichen Gewand lt. Genesis 2 von ihm repräsentiert und für die einzig sinnvolle anerkannt. Menschen, die nicht alternativlos und geschichtslos denken (es waren damals wenige, und sie sind heute auch nicht die Mehrheit), die auch das christliche Welt- und Menschenbild nicht teilten, litten aber schon damals, in den 50er und 60er Jahren unter der Käseglocke, die über sie gestülpt war und in der noch neben Weihrauch allzuviel Nazi-Aromen zu riechen waren. Denker wie Adorno und Simone de Beauvoir machten darauf aufmerksam, daß auch eine andere Gesellschaft möglich sei – etwa ohne „natürliche“ Herrschaft des Mannes über die partiell entmündigten Frauen. Im Herrschaftsbereich des Islam wurden solche Abweichungen nicht geduldet.

    Das aber macht den Unterschied aus. Europa und Nordamerika konnten sich zu einer auch kulturell säkularen, religionsneutralen Gesellschaft entwickeln. (Die islamische Welt nicht). Nicht alle begrüßten das. Die alte Ordnung gab ihnen, auch den Frauen, Sicherheit – die Sicherheit der Kinder unter der Obhut des Vaters bzw. seiner Idealisierung als Vater-Gott. Wer diese Sicherheit auch heute noch für sich wünscht und ein christliches Weltbild aufrecht erhält, wird die Kritik an der CDU-Herrschaft der frühen Bundesrepublik nicht teilen. Er hätte sich, hätte er damals gelebt, wohlgefühlt. Wer sich unwohl fühlte, mußte sich nach den Ursachen fragen. Im Zweifel hatte er Probleme mit den Vätern, auch wohl dem eigenen. Und mit dem Geschlechterbild der Zeit. Und er führte etwa die kriegerischen Katastrophen des Jahrhunderts auf die soldatische Männerherrschaft zurück (-> Klaus Theweleits Untersuchungen dazu). Der nach „68“ aufkommende Feminismus, dem auch viele Männer zustimmten, war eine Folge davon. Schließlich kam Gender-Mainstreaming – etwa für die AfD und andere Nostalgiker das naturwidrige Feindbild schlechthin. Wer innerhalb der monotheistischen Kulturen „Natur“ sagt, meint nicht Darwin, sondern „Gott“. Das macht die Hauptdifferenz der Standpunkte aus.

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  4. Wolfgang Koch schreibt:

    Wenn ich mir das alles durch den Kopf gehen lasse, „Patriarchat“, „Feminismus“, „Matriarchat“, etc.und die Auswirkungen auf das Zusammenleben im Kleinen und Großen, scheint es mir notwendig zu sein, die menschlichen Grundphänomene „Vater“, „Mutter“, „Gatte“, „Gattin“, „Kind“, „Familie“ in ihrer eigentlichen Bedeutung zu begreifen. Wir sollten das sich in diesen Phänomenen Zeigende unbefangen von allen Verletzungen wahrzunehmen. „Vater“ und „Mutter“ ist nicht die die Wahl zwischen „Patriarchat“ und „Matriarchat“. Allein schon in einer derartigen Alternative sehe ich ein geistiges Krankheitssymptom.

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  5. Wolfgang Koch schreibt:

    Ich muss noch einmal auf den Satz zurückkommen: „Denker wie Adorno und Simone de Beauvoir machten darauf aufmerksam, daß auch eine andere Gesellschaft möglich sei“.

    Mit geradezu archäologischem Interesse grabe ich mich in die Tiefenschichten und den Wurzelgrund ein, aus dem die ’68-Kulturrevolution und damit unserer Zeit gewachsen ist. Bei einem Besuch der University of Virginia hat mich ein amerikanischer Zeithistoriker auf die US-amerikanischen Pläne für das Nachkriegsdeutschland hingewiesen und war erstaunt, dass Adenauer diese Pläne so lange verhinder habe.

    Das ist es, was ich dieser Spur folgend mit Verblüffung gelernt habe: Nach Hitlers Kriegserklärung an die USA schuf Roosevelts Office of Strategic Services, ein Vorgänger der CIA, eine Spezialabteilung. Die dort tätigen deutschen Emigranten Franz Neumann (1900–1954), Herbert Marcuse (1898–1979) und Otto Kirchheimer (1905–1965) berieten die US-Regierung bei der Beurteilung der geistigen Situation Deutschlands, schätzten langfristige Auswirkungen politischer Entscheidungsoptionen ab und bereiteten vor allem die „Entnazifizierung“ Deutschlands nach dem Kriegsende und den Neuaufbau Europas vor [dokumentiert in: Secret Reports on Nazi Germany. The Frankfurt School Contributions to the War Effort. Edited by Raffaele Laudani. With a foreword by Raymond Geuss. Princeton University Press 2013; das Buch ich in der Bonner Uni-Bibliothek. Ich habe es noch ausgeliehen, bringe es aber auf Wunsch sofort zurück.].

    Genau diese US-Geheimdienstanalysten werden nach Kriegsende Protagonisten der ‚Frankfurter Schule‘ und Wegbereiter der ‘68er. Nach ihrem Selbstverständnis schmiedeten sie Max Horkheimers (1885–1973) und Theodor W. Adornos (1903–1969) ‚Kritische Theorie‘ zum gesellschaftspolitischen Instrument. Angestrebt war “the removal from German society of the causes of aggression“ durch eine tiefgreifende Transformation der gesamten sozialen Struktur Deutschlands „von unten“ – „a process of democratic evolution from below“ – getragen von der linken antinationalsozialistischen Opposition. [Secret Reports on Nazi Germany, S. 14ff.]

    Grundlage war Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“, eine „Flaschenpost“ für künftige Generationen aus ihrem kalifornischen Exil [Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946 bis 1995. Hrsg. von Wolfgang Kraushaar. 3 Bände. Zweitausendeins 1998; auf in der Uni-Bib, von mir schon zurückgegeben]. Der Begriff „Flaschenpost“ (1941) bezeichnet Adornos Resignation im Exil. 1949 kehrten Horkheimer und Adorno nach Frankfurt zurück. „Ihnen bot sich die einmalige Chance, Einfluß zu nehmen auf die Bildung einer neuen deutschen Studentengeneration“, erläutert Kraushaar.

    Kaum zu unterschätzen bis in die Politik der Gegenwart ist die von Adorno mitverfaßte Studie „The Authoritarian Personality“, als Teil eines sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekts an der University of California [publiziert 1950, im Internet verfügbar: Th. Adorno et al. The Authoritarian Personality. New York 1959]. „Implizite antidemokratische Tendenzen“ und das „Faschismuspotential“ werden darin durch die „California F-scale“ gemessen – F wie fascism. Sie ergibt sich aus: „conventionalism“ – Festhalten an Hergebrachtem; „authoritarian submission“ – Autoritätsakzeptanz; „authoritarian aggression“ – Tendenz, Verstöße gegen hergebrachte Werte zu ahnden; „anti-intraception“ – Ablehnung des Subjektiven; „superstition and stereotype“ – Aberglaube; „power and toughness“ – Betonung gesellschaftlich befürworteter Eigenschaften des Ich; „destructiveness and cynicism“ – allgemeine Feindseligkeit; „projectivity“ – Veranlagung, an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben; „sex“ – übertriebene Bedenken bezüglich sexueller Geschehnisse.

    Neumanns, Marcuses und Kirchheimers Prognosen erwarten keinen christlich geprägten Wiederaufbau Deutschlands und Europas, wie er durch Adenauer, Schuman, De Gasperi tatsächlich erfolgte. Ihr ‚blinder Fleck‘ läßt vermuten, daß ihnen katholisch geprägte Persönlichkeiten als „authoritarian“ galten. Erst die ‘68er entkorken Adornos ‚Flaschenpost‘. Ihr explosionsartig entweichender Geist macht sie zur booster-Rakete, die Liberalismus mit mutiertem Marxismus und Freudianismus verschmilzt und die Moderne in die „radikale Aufklärungskultur“ schießt, von der Papst Benedikt spricht.

    Die ‘68er-Polemik gegen die Adenauer-Zeit scheint sich demnach als Zorn über unerwartet lange Verzögerungen alter Pläne zu entladen. Was genau die ‘68er-Revolution so lange aufhielt, wäre zu untersuchen. Wohl nicht zufällig spricht Adenauer 1952, ein Jahr nach der Wiedereröffnung des ‚Instituts für Sozialforschung‘ durch Horkheimer und Adorno, gerade zu den Frankfurter Studenten: „Unter gar keinen Umständen darf die Beschäftigung mit der metaphysischen Seite des menschlichen Seins vernachlässigt werden. Hier liegt die Wurzel der Persönlichkeitsbildung, und hier liegen in Wahrheit die unerschütterlichen Fundamente der Persönlichkeit. Es liegt mir so sehr am Herzen, gerade zu Ihnen über diese Fragen zu sprechen.“

    Adorno und Horkheimer hörten wohl den Bundeskanzler an ihrer Universität über dieses Menschenbild sprechen. Wenigstens Adorno wird die „message“ verstanden haben. Seine verschüttete religiöse Dimension belegt ein Brief an einen langjährigen Freund, den Komponisten Erst Krenek (1900-1991): „Irre ich mich nicht, so haben Sie neuerlich stark katholische Gehalte aufgenommen. Sie sind mir sehr, sehr vertraut; ich selber habe einmal gemeint, durch den katholischen „ordo“ sei es möglich, die aus den Fugen geratene Welt zu rekonstituieren, und damals vor zehn Jahren stand ich unmittelbar vor der Konversion, die mir als Sohn einer katholischen Mutter nahe genug lag. Ich habe es nicht vermocht – die Integration der „philosophia perennis“ scheint mir unrettbar romantisch.“ Ich habe Adorno-Kenner mit psychologischer Bildung schon oft auf auf diese Stelle hingewiesen – sie reagieren darauf nicht oder nur mit Achselzucken.

    Adornos Briefwechsel mit Krenek, dem Ehemann von Alma und Gustav Mahlers Tochter Anna, ist wohldokumentiert. Krenek war 1930 (wieder) katholisch geworden und hatte einige Werke geistlicher Musik komponiert [Theodor W. Adorno / Ernst Krenek – Briefwechsel 1925–1935. Hrsg. von Wolfgang Rogge. Frankfurt a. M., 1974, Brief Adornos an Krenek vom 7. Oktober 1934].

    Adornos „sehr, sehr vertraut“ im Jahr 1934 macht den explosiven Geist seiner 1941 konzipierten ‚Flaschenpost‘ besonders unheimlich. Es finden sich jedoch auch in brutal religionskritischen Schriften Adornos Sätze wie: „Die große Scholastik, vorab die Summen des Thomas, hatten ihre Kraft und Würde darin, daß sie, ohne den Begriff der Vernunft zu verabsolutieren, nirgends ihn verfemten.“ [Th. W. Adorno (1957). Vernunft und Offenbarung. In: Kulturkritik und Gesellschaft. Bd. 2, Frankfurt a. M. 2003, S. 613]. Auch diese Stelle verblüfft nur mich, nicht aber die Adorno-Kenner mit psychologischer Bildung.

    Erst neulich war in der FAZ ein interessanter Artikel: In den Frankfurter Seminarprotokollen falle die Strenge auf, mit der die Kernfragen der ‚Kritischen Theorie‘ fortgeführt und die Lehre dafür verwendet werden, eine Gesellschaftstheorie, die praktisch auf die Gegenwart einwirken sollte, an die Folgegeneration weiterzugeben [Th. Thiel (2015). Die Schule der Kritischen Theorie. Virtuosen an der Werkbank. Adornos Seminar-Protokolle der Nachkriegszeit werden in Frankfurt editiert. FAZ, 8. 7. 2015, Nr. 155, S. N4.]. Vielleicht kann die katholische Tradition von den „Sozialtechniken“ dieser Leute lernen.

    Aber vielleicht ist die ’68er-Zeit bald vorbei: Inmitten der Migrationskrise, deren Auswirkungen auf Deutschland kaum absehbar sind, sorgt Papst Franziskus für Schlagzeilen: „Wir können heute von einer arabischen Invasion sprechen. Das ist eine soziale Tatsache“ [Flüchtlingskrise. Papst Franziskus spricht von „arabischer Invasion“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. März 2016, http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/fluechtlingskrise-papst-franziskus-spricht-von-arabischer-invasion-14104945.html.. Gerade angesichts der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche sei jedoch ein Bewusstsein für die eigenen kulturellen Wurzeln wichtig. „Wenn es seine Geschichte vergisst, schwächt sich Europa. Dann wird es zu einem leeren Ort.“ Derzeit fehle es an europäischen Leitfiguren wie seinerzeit die Staatsmänner Robert Schuman und Konrad Adenauer, die Gründerväter der europäischen Einigungsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Papst sieht aber auch Chancen erwachsen: Europa habe in seiner Geschichte viele Invasionen erlebt, „aber es hat immer über sich selbst hinauswachsen, voranschreiten können, um sich dann, bereichert durch den Austausch der Kulturen, wiederzufinden“.

    Aber mit der AfD hat das alles nichts zu tun. Die mögen solche Äußerungen gar nicht … Und deren „Abendland“ ist auch nicht christlich.

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  6. neptun16 schreibt:

    Ob „Vater“, „Mutter“, „Gatte“, „Kind“, „Familie“ „menschliche Grundphänomene“ sind, wäre noch zu klären. Zwar „Kind“ ist jeder einmal – aber alles andere muß er nicht notwendig sein, um sich zur Gattung Homo sapiens sapiens rechnen zu dürfen und der Menschenwürde teilhaftig zu sein. Die „Mutter“ repräsentiert nicht das „Matriarchat“ und der „Vater“ nicht das „Patriarchat“. Beides bezeichnet übergeordnete, gruppen- oder stammesbezogene Organisations- bzw. Herrschaftsformen, die erst vor wenigen Jahrhunderten und auch nur in der Welt der aufkommenden Industrialisierung die Kleinfamilie (als patriarchalische Unterform) hervorbrachten. Seit dem Seßhaftwerden in der Jungsteinzeit und bis heute war das Patriarchat die von allen akzeptierte und später den monotheistischen Vatergott produzierende Organisationsform der Menschen. Das Matriarchat ist wohl eher ein Mythos, denn immer waren die Frauen zu sehr mit Schwangerschaften und Geburten beschäftigt, um Herrschaft auszuüben. Ein Feminismus, der ernstgenommen werden will, ist ein Produkt der Moderne, die Frauenbildung und Familienplanung ermöglichte. Da erst konnte man begreifen, daß die biblische wie koranische Überlegenheit des Mannes eine Konstruktion eben des Patriarchats war, keine „natürliche“ oder „göttliche“. Daß erst vor 70 Jahren solches Denken allmählich Platz greifen konnte und im Grundgesetz zunächst sehr formal sich niederschlug, ist den heute lebenden Frauen kaum noch präsent. Sie halten ihre geschichtlich erkämpfte und nicht geschenkte Gleichwertigkeit für „natürlich“. Ist sie aber nicht. Vorkämpferinnen wie Simone de Beauvoir schulden sie immer noch Dank. Daß eine neue Partei wie die AfD gegen Gender Mainstreaming geifert, zeigt, daß sie den Zerfall des Patriarchats, also den der Adenauer-Herrschaft, verhindern will. Sie ist keine „rechte“, sondern bei Licht besehen eine reaktionäre Partei, die den Islam nicht als Patriarchat bekämpft, sondern als „uneuropäisch“.

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  7. Wolfgang Koch schreibt:

    „Ob ‚Vater‘, ‚Mutter‘, ‚Gatte‘, ‚Kind‘, ‚Familie‘ ‚menschliche Grundphänomene‘ sind, wäre noch zu klären“, schreibt „neptun16“. Es kommt mir vor, als ob ich einer Generation angehörte, der es aufgegeben ist, alles Grundlegende wieder neu zu entdecken – und das heißt: als etwas Neues zu entdecken, Frisches, Unverbrauchtes. Dies wäre ja gut platonisch gedacht, denn für Sokrates ist Erkennen stets ein Wiedererkennen des eigentlich “immer schon“ Gewussten. Wenn aber die Bedeutung dieser Grundphänomene noch zu klären sind, geht es letztlich um noch Grundlegenderes geht, nämlich um das Menschsein selbst.

    Dieser Gedanke führt mich an das Ende der „Adenauerzeit“, über die im Zusammenhang mit der AfD die Rede war, die aber doch wohl kaum etwas Zeit zu tun hat, jedenfalls hat anscheinend nichts von dem damit zu tun, was man von ihren Vertretern oder Vertreterinnen selbst hört oder liest.

    Nach dem Ende seiner Kanzlerschaft schärft Adenauer seinen Parteifreunden den Naturrechtsgedanken ein, beinahe wie sein politisches Vermächtnis: „Unsere Partei – ich wiederhole es – steht fest und unverbrüchlich auf dem Boden dieser, der christlichen Weltanschauung, dass es für den Menschen Normen gibt, die aus dem Wesen und Sein Gottes selber fließen und daher unverbrüchlich sind und nicht angetastet werden dürfen. Wenn man das Bestehen solcher Normen nicht anerkennt, dann gleitet ein Volk abwärts in Diktatur und Gewalt.“ [Eröffnungsrede zum 12. Bundesparteitag der CDU in Hannover am 15.3.1964, http://www.kas.de/upload/ACDP/CDU/Protokolle_Bundesparteitage/1964-03-14-17_Protokoll_12.Bundesparteitag_Hannover.pdf, S. 32.]

    „neptun16“ schreibt mit seinem Dreyzack, dass der Begriff „Natur“ einen Schöpfer der Natur impliziert. Bereits rein sprachlich, von der lateinischen Wortbedeutung her, hat er völlig Recht. Es steht ein „Woher?“ im Raum. Mich als Nachgeborenen, der das Grundphänomen „Vater“ nur abgeschwächt kennt und doch selber ein Vater seiner Kinder zu sein versucht – nein: zu sein hat, fesselt dieser Satz. Hier spricht tatsächlich ein „Vater“, von einem „Boden“ auf dem man stehen kann. Das kaum mehr verwendete Wort „unverbrüchlich“ gefällt mir in seiner Metaphorik. Und dieser Vater nimmt Bezug auf etwas, das größer als er selbst, das nicht gedacht werden kann, um mich anselmisch auszudrücken. Außerdem ist dieser Vater ein Vater, der aus eigener Erfahrung weiß wovon er spricht, wenn er von „Diktatur und Gewalt“ spricht und er spricht von eben dieser Alternative, die sich stellt, wenn jener „Boden“ verlassen wird.

    Wer Adenauers Mahnung folgt und rechtsphilosophischem Denken nachgeht, das den Schöpfungsgedanken und mit ihm den Begriff der „menschlichen Natur“ ignoriert oder explizit ablehnt, nimmt einigermaßen verstört zur Kenntnis, welche scheinbar selbstverständlichen Grundbegriffe plötzlich in Frage stehen, etwa der Begriff der Identität und des verantworteten Handelns eines menschliche Rechtssubjektes: „Offensichtlich ist das Konzept des ‚menschlichen Handelns‘ ein Paradebeispiel für ein im Wesentlichen umstrittenes Konzept, was bedeutet, dass es keinen Konsens über die Bedeutung dieses Begriffs zwischen seinen verschiedenen Nutzern gibt“, fasst ein Sammelband den sich auflösenden Begriff der verantworteten menschlichen Handlung zusammen [M. Hildebrandt and A. Rouvroy (2011). Law, Human Agency and Autonomic Computing: The Philosophy of Law Meets the Philosophy of Technology. Abington, UK, S. 5.].

    Insbesondere zielen poststrukturalistische Denkrichtungen, häufig von dem Philosophen, Psychologen und Soziologen Michel Foucault (1926–1984) ausgehend, in diese Richtung. Auf diesen Denker, ohne den die Gegenwart wohl nicht zu verstehen ist, hat mich Peter Horn hingewiesen, von dem ich schon unglaublich viel gelernt habe – mehr als ich zuweilen verkrafte. Foucault also scheint insgesamt der Vorstellung ‚menschliches Handeln‘ keine Bedeutung mehr beimessen zu können und spricht vom „Tod des Subjekts“, wie Nietzsche vom „Tod Gottes“: „Man braucht sich nicht sonderlich über das Ende des Menschen aufzuregen; das ist nur ein Sonderfall oder, wenn Sie so wollen, eine der sichtbaren Formen eines weitaus allgemeineren Sterbens. Damit meine ich nicht den Tod Gottes, sondern den Tod des Subjekts, des Subjekts als Ursprung und Grundlage des Wissens, der Freiheit, der Sprache und der Geschichte.“ Diese vielzitierte Äußerung entstammt einem in Le Monde veröffentlichten Gespräch zwischen Michel Foucault mit Jean-Michel Palmier vom 3. Mai 1969 [In: Michel Foucault. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Hrsg. von Daniel Defert und François Ewald. Frankfurt am Main 2003. Bd. I, S. 1002].

    Mir scheint, hier deutet sich der Endpunkt einer Entwicklung an, die der anglikanisch-christliche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Clive Staples Lewis (1898–1963) bereits 1943 in seiner Verteidigung objektiver Werte und des Naturrechts vorhergesehen hat [C. S. Lewis (1943). Die Abschaffung des Menschen. (Original: The Abolition of Man. Reflections on education with special reference to the teaching of English in the upper forms of schools). Übers. von Martha Gisi. Einsiedeln 7. Auflage 2012].

    Die deutsche Ausgabe enthält ein spannendes Vorwort von Hans Urs von Balthasar (1905-1988), dem Theologen, den Johannes Paul II. zum Kardinal erheben wollte, der aber nach Bekanntgabe dieser Absicht starb. Der Philosoph und Katholik Robert Spaemann (*1927) schreibt über dieses Buch: „Was heute vielen Menschen als borniertes Festhalten der Kirche an traditionellen Verhaltensmustern erscheint, muss in einem neuen Lichte gesehen werden: als Widerstand gegen das, was C. S. Lewis ‚die Abschaffung des Menschen‘, die ‚abolition of man‘ genannt hat. Die szientistische Zivilisation mit ihrer Tendenz zum Spiritualismus und Materialismus, zur Dekomposition der menschlichen Natur ist die Tendenz zu dieser Abschaffung. Wenn Europa nicht die kostbare Perle wiederfindet, die seine Mitte war, wird es zum Ort, von dem die Abschaffung des Menschen auf diesem Planeten ausgeht.“ [In: R. Spaemann (1991). Die europäische Kultur und der banale Nihilismus oder: Die Einheit von Mythos, Kult und Ethos. In: Umkehr 1 (1993), S. 9. http://www.kath-info.de/kultur.html%5D.

    1945 gestaltet C. S. Lewis seinen Gedanken auch literarisch [C. S. Lewis (1945). Die böse Macht (Original: That Hideous Strength. A Modern Fairy-Tale for Grown-Ups). Band. 3 der Perelandra-Trilogie. Übers. von Walter Brumm. Moers 2006]. Mit unheimlicher Antizipationskraft ist in diesem mythologischen „Science Fiction“ des Tolkien-Freundes ist viel von meiner Naturwissenschaft und Technik die Rede, vor allem sie kennzeichnenden Mentalität.

    Auf indirekte Weise kann diese Betrachtung den Glauben an den Schöpfergott stärken: Wenn die eine von zwei Alternativen nachweislich über Jahrhunderte ein fruchtbares Miteinander der Menschen ermöglichte, die andere aber monströs die Grundlagen jeglichen Menschseins und des Miteinanders von Menschen auflöst, liegt die Beweislast, ob man ihr tatsächlich folgen müsse, bei dieser zweiten Alternative.

    Dies alles geht mir durch den Kopf, wenn „neptun16“ schreibt: „Ob ‚Vater‘, ‚Mutter‘, ‚Gatte‘, ‚Kind‘, ‚Familie‘ ‚menschliche Grundphänomene‘ sind, wäre noch zu klären.“ Hoffentlich fällt seine Klärung aus und wird zu einer Wiedererinnerung an alles Gute, Schöne und Wahre!

    „Wenn Europa nicht die kostbare Perle wiederfindet, die seine Mitte war, wird es zum Ort, von dem die Abschaffung des Menschen auf diesem Planeten ausgeht.“ – Wenn ich mir diesen wuchtigen Spaemann-Satz vergegenwärtige, werde ganz blass vor Zorn, sobald ich an das dumme Gerede der AfD denke! Nein – mit der Adenauerzeit, dem letzten und zum Teil erfolgreichen Versuch, an den Gedanken des alten Europa anzuknüpfen, haben diese Leute nichts zu tun, wenigstens nicht die, deren Gerede man in den Medien vernimmt.

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  8. Said schreibt:

    Wir müssen aufhören, das Konzept von Vater und Mutter in Frage zu stellen. Die Natur – und hier beziehen wir uns bitte ausschließlich auf Darwin – stellt einem jeden Lebewesen zumindest zum Zeitpunkt der Entstehung, in den meisten Fällen aber auch darüber hinaus, Vater und Mutter zur Seite. Dieses Konzept lässt sich auch philosophisch nicht beiseite diskutieren. Der kulturelle Wandel, der durch die effiziente Geburtenkotrolle Anfgang der 60er Jahren Verbreitung fand, ist insofern eine Befreiung der Frau, als dass sie selbstbestimmt ihr Leben eine mögliche Familie planen kann. Dies ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass nach wie vor alles prä-natale in einer Frau und die unmittelbare Versorgung nach der Geburt durch eine Frau geschieht. Dies zu unterschätzen wäre ein fataler Fehler, der Freud und die Psychanaylse insgesamt ignorieren würde.

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  9. Wolfgang Koch schreibt:

    Warum sollten der Naturbegriff, der einen allmächtigen Schöpfer impliziert, und ein „postdarwinistischer“ Naturbegriff, auf den man sich „bitte ausschließlich beziehen“ möge, nicht miteinander kompatibel sein?

    Zur Diskussion über diese Frage, die untergründig alle Kontroversen über „Monotheismus“ begleitet, möchte ich einen Brief John Henry Newmans (1801–1890) beisteuern, des Konvertiten und Kardinals der römisch-katholischen Kirche. Papst Benedikt XVI., Josef Ratzinger (1927), hat Newman 2010 während seiner Großbritannienbesuchs im September 2010 seliggesprochen – und zwar mitten in den Stürmen, die von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins (1941) ausgingen, aber rasch in sich zusammenfielen. Erstaunlicher Weise ist dieser Newman-Brief noch nie ins Deutsche übersetzt worden.

    „It does not seem to me to follow that creation is denied because the Creator, millions of years ago, gave laws to matter. He first created matter and then he created laws for it — laws which should construct it into its present wonderful beauty, and accurate adjustment and harmony of parts gradually. We do not deny or circumscribe the Creator, because we hold he has created the self acting originating human mind, which has almost a creative gift; much less then do we deny or circumscribe His power, if we hold that He gave matter such laws as by their blind instrumentality moulded and constructed through innumerable ages the world as we see it. If Mr Darwin in this or thatpoint of his theory comes into collision with revealed truth, that is another matter — but I do not see that the principle of development, or what I have called construction, does. As to the Divine Design, is it not an instance of incomprehensibly and infinitely marvellous Wisdom and Design to have given certain laws to matter millions of ages ago, which have surely and precisely worked out, in the long course of those ages, those effects which He from the first proposed. Mr Darwin’s theory need not then to be atheistical, be it true or not; it may simply be suggesting a larger idea of Divine Prescience and Skill. … I do not see that ‘the accidental evolution of organic beings’ is inconsistent with divine design – It is accidental to us, not to God. – … Ich sehe nicht, dass eine ‚zufallsgetriebene Evolution‘ mit der Göttlichen Vorsehung inkonsistent ist – sie erscheint uns zufällig, sie ist es nicht für Gott.“ [Letter to Canon J. Walker of Scarborough, May 22, 1868. In: The Letters and Diaries of John Henry Newman. Vol. 24, Oxford 1972, pp. 77–78. http://inters.org/Newman-Scarborough-Darwin-Evolution%5D.

    Der Frage, die uns implizit immer wieder beschäftigt, geht Ratzinger ein Leben lang nach. Als Münchener Erzbischof diagnostiziert er einen „Notstand in der Schöpfungskatechese“, den er scharf kritisiert: „Von den vielen, halbherzigen Auslegungen des biblischen Wortes her, die heute umlaufen und die mehr Ausflucht als Auslegung scheinen, rührt dieses Kranke eines Christentums, das nicht mehr wirklich zu sich selber steht und das daher nicht Ermutigung oder Begeisterung ausstrahlen kann. Es vermittelt viel eher den Eindruck eines Vereins, der weiterredet, obwohl er eigentlich nichts mehr zu sagen hat, weil geschraubte Worte nicht mehr Überzeugung verkünden, sondern nur noch ihren Verlust zu verdecken suchen.“ [J. Ratzinger (1981). Im Anfang schuf Gott. Vier Predigten über Schöpfung und Fall. Einsiedeln, Freiburg i. Br. 2. Auflage 2005, S. 19.]

    Im gleichen Jahr 1981 analysiert Robert Spaemann (*1927), Professor für Philosophie an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, die philosophische Kernfrage ‚Wozu?‘, ‚Auf welches Ziel hin?‘. Sie finde letztlich im christlichen Schöpfungsglaubens Antwort: „Von Anfang an stand das Teleologieproblem im Mittelpunkt philosophischen Nachdenkens. … Es geht hier nicht um die Frage nach Existenz oder Nicht-Existenz eines anfänglich definitorisch Gesetzten, sondern um ein adäquates Verständnis von Sein, in welchem die Erfahrung, die sich im Wort telos – als Ziel, Zweck, Ende und ‚Um … willen‘ – ausspricht, unverkürzt aufgehoben ist.“ [R. Spaemann, R. Löw (1981). Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. München 1981. Neuausgabe als: Natürliche Ziele. Stuttgart 2005, S. 18. Für teleologische Aspekte der Physik und Kosmologie vergl. W. Koch (2012). Finalität – zur Wiederentdeckung eines Grundgedankens. Forum katholische Theologie. 28. Jg., Nr. 3/2012, S. 201ff.]

    Insbesondere versucht Spaemann ein teleologisches Verständnis der Lebensphänomene gemäß aristotelischem Denken zu erneuern. Aber bereits zuvor wies Ratzinger auf die Aktualität der offenbar bereits 1981 weitgehend vergessenen Schöpfungstheologie hin und benennt ein „grünes“ Anliegen, auf das er als Papst im Bundestag zurückkommen wird: „Gegen das unbegrenzte Schöpfertum des Menschen, das die vorgefundene Welt nur noch als Materie eigenen Schaffens verstehen will, setzt sich die Schöpfung Gottes, setzt sich die ‚Natur‘ zur Wehr.“ [J. Ratzinger (1979). Konsequenzen des Gottesglaubens. Gastvorlesung bei der Thomasfeier der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg am 14. März 1979. In: J. Ratzinger (1981). Im Anfang schuf Gott. Vier Predigten über Schöpfung und Fall. Einsiedeln, Freiburg i. Br., S. 80.]

    Ratzingers geistesgeschichtliche Analyse sieht die „Verdunklung des Schöpfungsglaubens, die schließlich zu seiner fast völligen Ausblendung führte“, als grundlegenden Teil dessen, was die Neuzeit geistig ausmacht. Daraus ergäben sich zwei Alternativen: „Die christliche Grundhaltung ist die einer seinshaften, nicht moralischen Demut, … sich selbst als Geschaffenen und von der ‚Liebe‘ Abhängigen anzunehmen“. Dieser christlichen Demut der Anerkennung des Seins stünde die so andere ‚Demut‘ der Seinsverachtung gegenüber: „‚An sich ist der Mensch ja nichts, ein nackter Affe, eine besonders aggressive Ratte, aber wir könnten vielleicht noch etwas aus ihm machen‘.“

    Ratzingers Alternativen ermöglichen ein vertieftes Verständnis des christlichen, oft als „fundamentalistisch“ charakterisierten „Kreationismus“ in seinen heterogenen Spielarten des 19. und 20. Jahrhunderts, aber auch der Gegenwart. Friedrich Wilhelm Graf (*1948), eine führende Stimme der protestantischen Theologie, die ich schon einmal zitiert habe, bietet eine höchst informative Phänomenologie der „Kreationismen“, die er als Gegenbewegung in Analogie zur Romantik als einer Reaktion auf die Aufklärung deutet: „keine kalte Funktionsrationalität ohne kompensatorische Wertrationalität“ [F. W. Graf (2014). Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird. München, S. 198].

    Nachdem Darwins naturwissenschaftliche Einsichten klarsichtigen Geistern wie dem seligen John Henry Kardinal Newman als vereinbar mit dem Schöpfungsglauben galten, formiert sich ab 1879 Widerstand gegen social darwinism. Von ihrem Ursprung her ist das Anliegen der „Kreationisten“ also politischer Natur, analysiert Graf: „[Sie] bekämpften im biologischen Evolutionsdenken primär einen Sozialdarwinismus, den sie als ideologische Basis eines radikalen Marktdenkens, unbegrenzter kapitalistischer Konkurrenz, Ausbeutung der Schwachen und Legitimation für eugenische Programme wahrnahmen“ [Götter global, S. 170].

    Die Auseinandersetzungen um den Schöpfungsgedanken verschärfen sich vor allem in der Gegenwart. In ihnen geht es viel eher um die Etablierung einer neuen prima philosophia, die den Platz der alten Metaphysik einnehmen soll, als um konkrete Naturwissenschaft: „Wenn das Mittelalter eine ‚Rückführung aller Wissenschaft auf die Theologie‘ (Bonaventura) versucht hatte, so kann man hier von einer Rückführung aller Realität auf ‚Evolution‘ sprechen, die auch Erkenntnis, Ethos, Religion aus dem Generalschema Evolution glaubt ableiten zu können“ [J. Ratzinger (1985). Geleitwort zu Evolutionismus und Christentum. Hrsg. von Robert Spaemann et al. Weinheim 1986. Zitiert Christoph Kardinal Schönborn in: Schöpfung und Evolution. Eine Tagung mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo. Augsburg 2007, S. 9].

    „Diese Neo-Darwinisten … treiben den Ausbau ihrer Disziplin zu einer Universalwissenschaft voran, die auch alle geistigen, kulturellen Überlieferungen in evolutionären Konzepten deuten können will und zudem notwendig religionskritisch und atheistisch sei“, konstatiert der Protestant Graf und resümiert: „Als secular humanists erzeugen diese Neo-Darwinisten in ihrem aggressiven Kampf gegen allen ‚Gotteswahn‘ (Dawkins) eine diskursive Konstellation, die fatal an hoch ideologische Weltanschauungsfehden um 1900 erinnert. Ernsthafte Wissenschaft kann bei dieser Kampfstellung gegen die Religion immer nur verlieren“ [Götter global, S. 179.].

    Während seines Großbritannienbesuchs im September 2010 ist Josef Ratzinger als Papst Benedikt XVI. heftigen Angriffen der secular humanists ausgesetzt, die ihn sogar beim Überschreiten der britischen Grenze verhaften lassen wollen: This former head of the Inquisition should be arrested the moment he dares to set foot outside his tinpot fiefdom of the Vatican, and he should be tried in an appropriate civil – not ecclesiastical – court. … A leering old villain in a frock, who spent decades conspiring behind closed doors for the position he now holds. [In: R. Dawkins (2010). Ratzinger is the Perfect Pope. [The Washington Post, March 28. 2010. http://old.richarddawkins.net/articles/5341-ratzinger-is-the-perfect-pope%5D

    Benedikt setzt ihnen den Hinweis auf die politische Dimension des Schöpfungsglaubens entgegen und besänftigt den Sturm: „Wenn wir über die nüchternen Lektionen des atheistischen Extremismus des 20. Jahrhunderts nachdenken, wollen wir nicht vergessen, wie der Ausschluss von Gott, Religion und Tugend aus dem öffentlichen Leben uns letztlich zu einer verkürzten Vision des Menschen und der Gesellschaft führt“ [Benedikt XVI. (2010). Ansprache bei dem Besuch bei Ihrer Majestät Queen Elizabeth II. Holyroodhouse Castle, Edinburgh, 16. 9. 2010].
    Dieses Erlebnis wird Benedikt unvergessen geblieben sein, als er im Jahr darauf im Deutschen Bundestag von der sogar parteipolitisch relevanten Aktualität und Wirksamkeit des Schöpfungsgedankens spricht: „Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“[Benedikt XVI. (2011). Ansprache beim Besuch des Deutschen Bundestags am 21. September 2011. In: Rechtstheorie, 42. Band, 2011, Heft 3]

    Vielleicht noch eine Bemerkung: Wer den Neodarwinismus der secular humanists ernst nimmt, muss ihre „evolutionistische Erkenntnistheorie“ ernst nehmen. Dies gelingt aber nur philosophisch ungebildeten oder ignoranten Leuten wie Entwicklungsbiologen Dawkins. Eine derartige prima philosophia kann für sich keine Verbindlichkeit beanspruchen. Natürlich könnte man sich mit dem Absurden abfinden. Insofern sind mir Leute wie Michel Foucault lieber. Sie sind ehrlicher und intelligenter. Aber warum sollte man ihnen in die Absurdität folgen?

    Als ich neulich an der ETH war, waren wir übrigens im Züricher Cabaret Voltaire, in dem Hugo Ball und Hans Arp den Dadaismus begründeten. Für Hans Arp führte von dort sein Weg über die Schriften der Mystiker in die katholische Kirche. Ball, der Freund Hermann Hesses, liegt mit ihm auf dem gleichen Friedhof in Montagnola begraben. Im Arp-Museum Rolandswerth ist zurzeit eine Dadaismus-Ausstellung. Vielleicht besuchen wir sie einmal gemeinsam?

    Währen ich all schreibe bin ich noch ganz erfüllt vom gregorianischen Choral der Karsamstagsmatunin heute früh und wünsche alles Lesern des „Deyzack“ gesegnete Ostern!

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  10. Wolfgang Koch schreibt:

    Schnell ein Fehler korrigiert: Hugo Balls Weg führt in die Kirche. …

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  11. Said schreibt:

    Ich muss mich für die affektive Entladung entschuldigen, als dass ich es jedem freistellen möchte, welchen Bezug er oder sie für den Ursprung der Geschöpfe dieser Welt für sich wählt.

    In der Betrachtung einer qualitativen Untersuchung, was die Kultur gewissermaßen archetypisch unter den Rollen und Begriffen „Vater“ und „Mutter“, etc., entwickelt hat, halte ich die Dawinistische Perspektive als Evolutionsmodell für unkritischer, da sie (unbestrittenerweise?) diese Rollen kulurell unvoreingenommener sieht. Wenn ich auch das klassische Modell der Triangulierung von Vater-Mutter-Kind verteidigen und vertreten möchte, trotz dass dabei meine patriarchischen Anteile zum Vorschein kommen, halte ich die kirchliche Auslegung der Schöpfungsgeschichte als Basis einer sachlichen Diskussion für unpassend, da die Prämissen (nicht nur die „Implikationen“!) bereits Teil des Problems sind. Zum Verständnis: Meines Erachtens müssten wir die gesamte Genesis ignorieren um objektiv über die Rollen von Mann und Frau zu diskutieren.
    Ob nun ein „Schöpfergott“ oder anderes für den Ursprung aller Dinge gesetzt wird, lässt sich abschließend mit „wir wissen es nicht“ beantworten und jedem seinem Gusto überlassen. So lange wir nicht aufhören, weiterzufragen und Modelle zu kritisieren, sei mir alles erlaubt.

    Die Frage nach dem Umgang des Menschen mit seiner Natur ist eine andere. Es geht nämlich unmittelbar ins Moralische und Ethische! Wollen wir die Psychologie des Menschen verstehen, in dem wir der Frage nach Vater- und Mutterrepräsentanzen in der Psyche nachgehen, so tun wir spätestens seit Nietzsche gut daran, die Frage nach der Moral außen vor zu lassen. Andernfalls laufen wir nicht nur Gefahr, nein wir bauen unmittelbar auf einem Scheingerüst, das die wahren Affekte im Geborgenen hält. Wie so oft müsste man die Psychologie von der Philosophie trennen. Ich wollte einen Beitrag zu Ersterem geben, habe mich hierbei aber vielleicht zu sehr aufgedrängt. Es beschäftigt mich nur derzeit sehr.

    Die von Dir vorgebrachten Zitate suggerieren, dass die Aufklärung wie auch die Wissenschaft (beispielsweise in Form des Darwinismus) zu „kalter Funktionsrationalität“ führen. Dem möchte ich vehement widersprechen. Hier werden zwei Strömungen, die der Aufklärung bzw. Wissenschaft und die des Kapitalismus, in eine Schublade getan. Ich kann hier nur für mich sprechen, aber aus dieser subjektiven Perspektive stehen Erstere für eine deduktive Vorgehensweise um Modelle zum Verständnis der (Um-)Welt zu erstellen, bei der insbesondere alles zu jeder Zeit kritisiert und hinterfragt werden darf. Führt dies zu einem kühlen Verhältnis zur Natur? Ich behaupte mal ein jeder Biologe, ein jeder Physiker, ein jeder Chemiker würde dies verneinen, weil die Motivation aus einer inneren Schönheit der zu entdeckenden Dinge kommt. Die Ausbeutung der Natur, das Nutzen-Denken, das zunehmend Egoistische in der westlichen Kultur und nicht zuletzt die Verschwendung des Menschen und des Mensch-Seins liegt im kapitalistischen System, das für exponentiellen Wachstum sich zu jederzeit selbst übertreffen muss, um nicht zu implodieren.

    Ebenso gesegnete Ostern!

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