Ratzingers Erbe

Um das Habermas-Ratzinger-Projekt aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts („Dialektik der Säkularisierung“2005) ist es still geworden, nachdem der „philosophische“ Papst dem „pragmatischen“ Papst gewichen ist. „Die Philosophie hat Gründe“, so Habermas damals, „sich gegenüber religiösen Überlieferungen lernbereit zu verhalten.“ Vernunft und Religion sollten nicht nur versöhnt werden, es sollte vielmehr, wenn es nach Ratzinger gegangen wäre, ihre Einheit von Anfang an ein für allemal klargestellt werden.

Welche Religion war gemeint? Wenn es in den abendländischen Debatten bis dahin nicht ausgesprochen wurde, war es immer das Christentum mit seinen Wurzeln in der antiken griechischen Philosophie – die einzige „wahre Religion“. Diese einzig wahre Religion zu sein, nehmen heute die Salafisten auf ihrer Website in Anspruch. Sie sind zwar nicht unbedingt der „wahre Islam“, aber wer das sein soll, weiß sowieso niemand. Die Debatte über Säkularisierung und Glauben hat dadurch, daß der Islam unterdessen auf eine wenig heilsversprechende Weise nach Europa gekommen ist, eine scharfe Wendung genommen. Der Islam als Mainstream-Volksreligion und als Religion des muslimischen Establishments will und kann sich nicht mit der Säkularisierung als mit einer Form der Gottlosigkeit versöhnen, was immer dagegen behauptet wird. Er kann sich, solange er eine Minderheit repräsentiert, unscheinbar und an Macht wenig interessiert zeigen, würde dies aber im Falle einer Entwicklung zur Mehrheitskultur sofort ändern. Es gibt keinen demokratischen islamischen Staat auf dem Planeten, und es wird auch nie einen geben. Das Schicksal des Iran steht uns allen vor Augen, von den arabischen, afrikanischen und asiatischen Staaten unter der Scharia ganz zu schweigen. Aber vor allem steht uns das Schicksal der Frauen in diesen Ländern vor Augen, deren eigene Wahrnehmung (nicht die böswilliger Westler) ist, daß sie von der Mehrheit der männlichen Muslime verachtet, ja gehaßt werden (Das Tahrir-Syndrom) . Dies sind die wahren Ursachen des Phänomens, das man als „Islamophobie“ verächtlich zu machen sich angewöhnt hat.

Hätten Habermas und Ratzinger – immerhin lag 9/11 schon hinter ihnen – begriffen, daß „Religion“, daß religiöses Denken, Sprechen und Handeln im heutigen Islam faschistoide und mafiöse Elemente (Hamed Abdel-Samad) enthält, hätten sie geahnt (sie hätten es wissen können!) daß viele Muslime stolz darauf sind, einer Religion des Todes anzugehören, hätten sie das Projekt Versöhnung etwas skeptischer gesehen. Das Christentum hat sich wohl oder übel mit der säkularen Welt arrangiert, es kann (obwohl einige Christen das bedauern) Atheisten und andere Apostaten nicht mehr auf den Scheiterhaufen zerren. Die vom Islam beherrschten Völker leben aber noch in unabsehbarer Zeit mit Strafen wie Steinigen, Enthaupten, Handabhacken etc. – alles gottgewollte Maßnahmen, denen selbst gläubige Muslime im Zweifel nicht entgehen. Immerhin gibt es einzelne liberalere, wenn auch nicht demokratische Regime (Tunesien), die sich einer höheren Form von Menschlichkeit annähern. Eins aber muß ausgeschlossen werden: Eine Versöhnung von Muslimen und Atheisten, wie sie als Conditio sine qua non von Abdel-Samad in seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt“ als „letzte Chance“ gefordert wird. Zwar kann auch in den USA kein Atheist Präsident werden, aber er darf dort leben und arbeiten wie Ayaan Hirsi Ali und in der intellektuellen Welt Wirkung entfalten.

Eine Art Epitaph auf die Hoffnungen von Habermas und Ratzinger findet sich bei Niklas Luhmann in „Die Religion der Gesellschaft“: „Offenbar gibt es gegenwärtig im Religionssystem der Weltgesellschaft keinen ‚zivilisatorischen‘ Fortschritt, wie ihn das 18. Jahrhundert erwartet hatte – weder in Richtung auf zunehmende Durchdringung der Religion mit säkularen Elementen, noch in Richtung auf eine moralische und kulturelle Ökumene.“

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Eine Antwort zu Ratzingers Erbe

  1. Wolfgang Koch schreibt:

    Habermas und Ratzinger haben in der Tat manches nicht bedacht, was doch 2004 bereits offensichtlich war. In seiner schonungslosen Bestandsaufnahme „Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945“, Göttingen 2013, konstatiert der Münsteraner Zeithistoriker Thomas Großbölting, dass Religion und Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhundert grundlegend miteinander verbunden gewesen seien, nicht nur auseinandergetre-ten, sondern viele vormals enge Bande gekappt seien. Dies gelte vor allem für das Christentum, das gerade in der deutschen Kultur und Gesellschaft in höchstem Maße „inkulturiert“ gewesen sei. Bis weit in nichtchristliche Kreise hätten kirchliche und gesellschaftliche Normen übereingestimmt. „Fünfzig Jahre später, um die Jahrtausendwende also, hat sich diese Verbindung gelöst“, konstatiert er, „und das, so wie es aussieht, wohl unwiederbringlich. Ein ‚christliches Deutschland‘ gibt es nicht mehr.“

    Damit einher gehe ein „für das religiöse Feld bislang beispielloser Traditionsbruch“, in dem sich beide Großkonfessionen befänden: „Der bisherige Verlauf dieser Verfallskurve wie auch die demographische Entwicklung deuten darauf hin, dass dieser Prozess sich weiter radikalisieren wird, so dass die Selbst- und Fremdbezeichnung der christlichen Konfessionen als Volkskirchen zunehmend obsolet wird“. Während sich die Christianisierung der Gebiete, die sich heute Deutschland nennen, über Jahrhunderte erstreckt habe, sei die Entkirchlichung in wenigen Jahrzehnten kulminiert. Stärker als in anderen Phasen der Kirchengeschichte sei es im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen, Hochreligion, populäre Frömmigkeit und Alltagswelt in eine Synthese zu bringen. Umso mehr unterscheide sich diese Phase von der Situation heute, „wo weite Teile des Alltagslebens und der kulturellen, politischen und sozialen Vorstellungen nicht mehr vom Christlichen berührt seien.“

    Nicht jede Religion ist als als solche „menschengemäß“, um mich vorsichtig auszudrücken. Was wir beobachten, ist das Vordingen einer anscheinend nicht menschengemäßen Religion in ein weitgehend relgionsfreies Vakuum, scheint mir. Das unsere beiden Diskutanten diese Möglichkeit nicht bedacht haben, wundert mich.Wo begegnet der Islam einem Christentum in Europa, das sich einen missionarischen Impuls bewahrt hat?

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