Identifikation mit dem Aggressor

Eines der großen Rätsel für Beobachter patriarchalischer Kulturen und Religionen ist das Einverständnis der meisten darin lebenden Frauen mit den sie unterdrückenden kulturell-religiösen Inhalten und Vorschriften. Die Mädchen, die zum IS nach Syrien reisen, sind dem Anschein nach ebenso widersprüchlich wie die Katholikinnen, die klaglos hinnehmen, daß ihnen das Priesteramt nicht zugänglich ist, und die deutschen Frauen, die zum Islam übertreten und dafür Gründe angeben, die einen indiskreten Blick in das furchtdurchzitterte Seelenleben erlauben.

Selten wird in der öffentlichen Debatte über IS-Bräute oder Konvertitinnen die Psychoanalyse in Anspruch genommen. Die Journalistin Maria von Welser, die sich seit langem mit der globalen Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt und nach Reisen in Vergewaltigungs-Hochburgen wie Kongo, Afghanistan und Indien einen Vortrag hält mit dem Titel „Warum hassen sie (die Männer) uns (die Frauen)?“ antwortet auf die Frage aus dem Publikum, wie sie sich das gänzliche Fehlen von Empathie der Männer angesichts des Hasses gegen Frauen erkläre, mit schierer Rat- und Hilflosigkeit, um schließlich „Armut“ als Grund anzugeben. Das ist wahrlich eine intellektuelle  Kapitulation vor dem Tabu, das Medienvertretern vorschreibt, für das Grauen in der Welt um keinen Preis Religion oder Kultur verantwortlich zu machen.

Leichter nachvollziehbar scheinen noch die Begründungen der deutschen Konvertitinnen, die in einer Reportage von Cornelia Filter aus dem Jahr 2008 versammelt sind. Fast buddhistisch mutet die Erklärung einer der Neu-Muslimas an: „Um Happiness zu erreichen, den Ozean der Glückseligkeit, muß man ein großes Hindernis überwinden: das eigene Ego. Es muß gezähmt werden wie ein wildes Tier. Aber die Regeln des Islam sind es nicht allein. Vor allem ist es Erkenntnis, durch die das Ego überwunden werden kann. Die Erkenntnis, daß ohnehin schon alles geregelt ist.“ Das „wilde Tier“ deutet auf die Triebsphäre, der die Frau sich ausgeliefert fühlte und die sie schließlich mit ihrem ganzen Ich identifizierte. Angst vor Sünde und folgerichtig „Hölle“ muß durch die grenzenlose Hingabe an den, der ohnehin alles geregelt hat, überwunden werden. Dann erwirbt sie „Happiness“ als Lohn. – Eine andere antwortet auf die Frage, warum sie sich gerade eine strenge Religion mit vielen Regeln ausgesucht habe: „Gerade deswegen. Mir bringen Regeln Halt. Und sie bringen mir Freude. Ich habe jetzt fünfmal am Tag einen Termin mit Gott.“ Sie schätzt am Islam, „daß es wirklich zu jedem alltäglichen Problem eine Hilfestellung des Propheten gibt“. – Alle befragten Konvertitinnen tragen Kopftuch und islamisch korrekte Kleidung. Die Verhüllung sei demonstrativ antisexistisch, gewissermaßen der Protest gegen sexuelle Männergewalt.

Einbekannt wird in den Statements sowohl seit der Kindheit nicht ganz überwundene Ich-Schwäche wie partielle Unmündigkeit. Beide verweisen auf Abhängigkeit von fremder Leitung und Schutz in the man’s world. Auch gibt es ein Grundgefühl des Ausgeliefertseins an allgegenwärtige männliche Gewalt, gegen die nur männliche Stärke hilft. Der dominierende und durchsexualisierte, anscheinend nicht zu domestizierende Mann erscheint als unüberwindbarer Gegenpart. Er würde zum schrecklichen Feind, würde ich mich ihm widersetzen. Konsequent folgt daraus eine Abwehrstrategie, die Anna Freud „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt hat. Dann würde aus dem Aggressor ein Beschützer, aus der Höllen-Drohung ein Paradies-Versprechen. Allah, dessen Fratze „Big Brother“ heißt (er sieht mich auch auf dem Klo) und der im eigenen Vater lebendig wurde, wird durch das brave, den Blick senkende, immer gehorchende und sich verhüllende Mädchen versöhnt. Daß der Islam, wie Necla Kelek sagt, „die rechtloseste Religion ist, was die Frauenrechte betrifft“ http://www.deutschlandradiokultur.de/necla-kelek-ueber-fluechtlinge-und-integration-muslime.990.de.html?dram:article_id=345444 , spielt dann keine Rolle mehr. Ich brauche keine Rechte, ich habe Regeln, von denen ich anerkenne, daß sie auch für mich sinnvoll sind.

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3 Antworten zu Identifikation mit dem Aggressor

  1. Ole schreibt:

    Vielleicht auch ein bisschen Stockholmsyndrom…..?

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  2. Hubertus Fremerey schreibt:

    Die Formel vom „furchtdurchzitterten Seelenleben“ ist Quatsch. Fuer die christlichen Frauen, die ich kenne (islamische kenne ich nicht) ist das Christentum eine Religion der Freude und Befreiung. Es ist eher so, dass viele Maenner Angst vor der Befreiung der Frau haben, das ist schon richtig. Aber das eine widerspricht nicht dem andern. Was die meisten Menschen in der Religion suchen, und das wird ja auch gesagt, ist Ordnung und Sinn, den der Liberalismus ihnen nicht bietet. Es gab und gibt im Christentum viele imponierend kluge und lebensvolle Frauen — zwar nicht als Priesterinnen, aber als Aebtissinnen und Lehrerinnen und Ordensoberinnen ua.. Das Bild von der unterdrueckenden Religion ist nur in kleinen Teilen zutreffend, im Ganzen ist es eine grob verzerrte Darstellung religioeser Wirklichkeit. Ich habe in meinem Leben zu viele imponierende christlich glaeubige Frauen kennen gelernt, um diesen Unsinn ernst nehmen zu koennen. Die waren nicht unterwuerfig und standen dem Leben und den Maennern nicht angstvoll gegenueber sondern selbstbewusst und frei.

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  3. neptun16 schreibt:

    Darin liegt ja gerade der Sinn der Abwehrstrategie „Identifikation mit dem Aggressor“: daß ich mich, indem ich des Angreifers Regeln akzeptiere (etwa daß Frauen im Katholizismus qua menstruierende Wesen „unrein“ sind), unter seinem Schutz ein Leben in Freude und als Befreite (etwa von Sünde und Verdammnis) führen darf. Philosophisch unabdingbar wäre aber die weiterbohrende Frage nach dem Sinn der Versperrung des Zugangs zum Priesteramt, Solche Fragen werden in Mythos-begründeten Systemen (also auch Offenbarungsreligionen) nicht zugelassen. Der Befragte käme in die Situation, eine „sinnlose“ Antwort zu geben. Weil die Zwölfe (Jünger) Männer waren, wäre solch eine „sinnlose“ Antwort, Noch weiter ginge die Frage nach der Notwendigkeit, das Geschlecht überhaupt zu einem relevanten Kriterium zu machen (Sexismus als Rassismus, die Frau als minderwertige „Rasse“). Eine „sinnvolle“ Antwort darauf stellte das Patriarchat als System in Frage. Deshalb wird sie nicht gegeben. Denn, wie schon früher dargelegt, man könnte mit einiger Plausibilität die drei monotheistischen Offenbarungsreligionen als Rechtfertigungsideologien des Patriarchats verstehen. Nur wenn ich unterstelle, die Offenbarung offenbart mehr als sich selbst (den Mythos), nämlich den „Gott“, akzeptiere ich ihre Regeln und Verbote folgerichtig.
    NB: Natürlich „begründet“ die Kirche das Fernhalten der Frauen nicht mit dem Reinheits- bzw. Blut-Tabu, das älter ist als die Kirche selbst. Man muß schon religionsphilosophisch und -psychologisch in das „Unbewußte“ und auch Verdrängte des Systems Kirche eindringen und die Augustinische Sexualangst als Paradigma unter die Lupe nehmen, dazu den Marienkult und die Reinheitsgesetze der Tora, um ein ganzes Syndrom aus Angst, Haß und Ekel vor dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität aufzuspüren. Das gilt auch für beide Geschwisterreligionen. Der Reinheits- und Jungfräulichkeitswahn ist allgegenwärtig.

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