Die Stimme seines Herrn

Wenn Allah durch den Mund seines Propheten zu den Menschen spricht, spricht er zu den Männern. Es ist ein Gespräch unter Männern, sozusagen eines Vaters mit den Söhnen. „So nehmt euch zu Weibern, die euch gut dünken, zwei, drei oder vier“ (Sure 4,3). „Erlaubt ist euch, zur Nacht des Fastens eure Weiber heimzusuchen“ (Sure 2, 187), sagt er zu den „Söhnen“, den Lust-Subjekten bezüglich ihrer Haltung zu den Objekten ihrer Lust. Von der Lust der Objekte geht er nicht aus. Sie sind auch für Allah nichts als Objekte, einzig dazu da, die Begierden der Subjekte zu befriedigen. Sie sollen warten, bis der Herr des Hauses sich ihnen naht, ob ihnen danach zumute ist oder nicht. „Eure Weiber sind euch ein Acker. Gehet zu eurem Acker von wannen ihr wollt“ (Sure 2, 223). Die Frau ist der Acker, ihr Geschlecht die Furche, in die der Mann seinen Samen legt. Welch eine arkadisch-agrarisches Idylle! In ihr können die Muslime keine Degradierung der Frau erkennen, sondern nur die natürliche Ordnung der von Allah geschaffenen Welt, die ja auch den Bestand der Spezies gewährleistet. Bis zum Jüngsten Tag.

So sagt dann heute auch Erdogan, der fromme Muslim und hartnäckige EU-Umwerber, die wahre Aufgabe der Frau sei Mutterschaft. Schluß der Debatte! Demnächst, in einem durch die Türkei bereicherten Europa, werden sich – Erdogan sei Dank! – viele Katholiken, Kreationisten und Reaktionäre jeglicher Couleur daran erinnern, daß die christliche Kultur Jahrhunderte lang dieses Geschlechterbild teilte und sich dabei sogar auf die Wiege dieser Kultur, das antike Griechenland, berufen konnte. Große Reste solcher archaischen Welteninseln findet man bis heute in dem Reich, das das Christentum für sich beansprucht – etwa inmitten der USA. Die Erdogans wollen diese Inseln wieder zu einem Kontinent, zu einem Patriarchat oder Gottesreich zusammenschließen, denn: Wir sind alle Vettern und Früchte des Samens, den Urahn Abraham/Ibrahim in die Furchen von Sara und Hagar legte. Wer darf uns trennen? fragte sich in diesem umfassend versöhnlichen Geiste der Familienmensch Wulff (verzögertes Echo: Angela Merkel) und forderte ein Haus und ein deutsches Wohnzimmer für die ganze Familie Ibrahim, um einen unnatürlichen Zustand des Entzweitseins zu beenden. Houellebecq hat in seinem Roman „Unterwerfung“ angedeutet, wie das aussehen könnte.

Der Fortschritt der Geschichte ist keine Schnecke, sondern zuweilen und gerade derzeit ein Krebs. In der fundamental-wortgläubigen Gestalt des Islamischen Staats hat der Krebs ins Urmeer einer Vorzeit zurückgefunden. Von dort ruft er die Brüder, ihm zu folgen. Viele, vor allem junge Brüder, folgen auch, sogar Schwestern – auf daß sie zu  wahren Objekten von Kämpfern würden. Der „wahre“ Islam der Massen hat sich vom Leben, das so viele Frustrationen bereithielt, abgekehrt und ganz den zukünftigen Freuden eines Bordell-Paradieses zugewandt. „Der Nießbrauch der Welt ist winzig, und das Jenseits ist besser für den Gottesfürchtigen“ (Sure 4,77). Du brauchst dir nur diesen Gürtel umzubinden und zur nächsten Bushaltestelle zu gehen… Selten wurde Komplexität so erfolgreich reduziert. Der Islam entpuppt sich als Erfolgsgeschichte, indem er seine Gläubigen in einen Abgrund von Dummheit und Irrsinn stürzt.

Es war der Jude Walter Benjamin, dessen Vision vom „Engel der Geschichte“ (1940) den heutigen Zustand der Welt schon vor 75 Jahren erschreckend präzis beschrieb:                 „Auf einem Bild von Paul Klee ist ein Engel dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint,  da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ 

Die Theologen nennen die Trümmerlandschaft, auf die der Engel blickt, „Heilsgeschichte“. Eine solche hält jeder der Monotheismen bereit. Nun gibt es neuerdings Ungläubige (die im Herrschafts-Bereich Allahs sofort liquidiert würden), die glauben, „Heil“ könne nur aus dem anderen, dem endgültigen Tod Gottes, nicht dem Kreuzestod, kommen . Der tote Gott könnte dann auch seine Söhne nicht mehr mit dem Ungeist des Patriarchats und der Erniedrigung der Frau infizieren und verderben. Der Philosoph Hans Blumenberg etwa glaubte (in einem Essay über die Matthäuspassion), der Tod Gottes habe den Weg zum „absoluten Selbstvertrauen des Menschen“ freigemacht, fügte aber hinzu: „Nur blieb der freigelegte Weg leer.“ Darf man ergänzen: Bislang?

 

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