Frauen und Kinder zuerst

Die Szenen am Zaun von Idomeni sind nicht zu ertragen. Mehr als die Hälfte der in Griechenland ankommenden Flüchtlinge sind inzwischen Frauen und Kinder. Sie, in ihrer Heimat schon die schwächsten Opfer ihrer Kultur und der ihr entspringenden Gewalt, sind wahrlich nicht verdächtigt, Gewalt und Terror nach Europa tragen zu wollen. Selbst während der Flucht und in den Häusern, in denen sie schließlich unterkommen, werden sie auch von männlichen Mitflüchtlingen drangsaliert und sexuell bedroht. Der Haß auf das Geschlecht verschwindet offenbar nicht in der Stunde gemeinsamer Not. Auch in ihr wird auf „korrekte“ islamische Verbergung Wert gelegt, wird das Kopftuch im Zweifel per Drohung durchgesetzt, weil auch hier der Anblick von Haaren und Körperformen den pochenden Trieb unerträglich anheizt.

Jetzt wäre die Kanzlerin mit einer pragmatischen Wende am Zug. Flüchtenden Frauen und Kindern wird die legale Einreise (wenn es sein muß: allein nach Deutschland) gestattet. Väter dürfen mitreisen. Alleinreisende junge Männer müssen zurückbleiben. Die Flüchtlingskrise vor allem nach der Silvesternacht war bislang auch eine Krise islamischer Männlichkeit. Frauen muß man nicht nachdrücklich und mit versteckter Warnung auf die Gleichberechtigung der Geschlechter hinweisen. Sie werden von ihr profitieren, mag sie ihnen zunächst auch merkwürdig und nicht Koran-kompatibel erscheinen. Sie suchen Schutz im Land der Ungläubigen, nachdem ihnen die Glaubensbrüder eine Hölle auf Erden bereitet hatten. Wahrlich eine Chance für den archaisch-patriarchalischen Islam, einen weiblich vermittelten Modernisierungs- und Humanisierungsschub zu erhalten. Es wäre nicht das erste Mal, daß Frauen einen wesentlichen Beitrag zur Zivilisierung leisten.

Eine von einer Deutsch-Türkin der dritten Generation für das ZDF produzierte Doku (29.2.) über das Frauenbild des Islam, über den Jungfrauenwahn, über das Geschäft mit Fake-Hymen zeigte neben einigen aufgeklärten auch in Deutschland lebende junge männliche Muslime, die auf alle Fragen nach dem Sinn der von ihnen erwarteten“Unberührtheit“ ihrer späteren Ehefrauen nur mit gequälter Hilflosigkeit antworten konnten. Der „Sinn“ ist die Tradition mit den entsprechenden Knoten in den Köpfen selbst. Traditionen und Mythen, auch religiöse Dogmen dürfen und können nicht hinterfragt werden, auch wenn die Menschen beiderlei Geschlechts unter ihnen leiden. Der Philosoph Hans Blumenberg hat hierzu gesagt, das Verbot weiterzufragen, habe nichts mit einem Tabu zu tun: „Es ist nichts als das Verbot des Sinnlosen“. Im „Sinnlosen“ einer Kultur, einer Tradition – sei es Beschneidung, seien es Speisegebote,  Nichtzulassung von Frauen zum Priesteramt etc. – gibt es für einen, der als äußerer Beobachter fragt, keine „sinnvollen“ Antworten. Was immer so gewesen ist, und sei es der grausamste Unsinn, braucht nicht rechtfertigt zu werden. Da sind sich die Religionen, deren Fleisch und Knochen aus mythischem Material besteht, einig. Der Mythos hat Gesetze, die ihn letztlich vor jeder Aufklärung bewahren, auch wenn einer wie Habermas anregt, den rationalen Diskurs säkularer Menschen mit der „Symbolsprache“ der Religionen zu versöhnen. Wenn der säkulare Dialogpartner jemandem gegenübersteht, der sich notorisch auf „Gott“ und „Offenbarung“ à la Koran  bezieht, bleibt dem Säkularen nichts als mit Niklas Luhmann die resignierte Feststellung: die Offenbarung offenbart nichts als sich selbst. Amen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Frauen und Kinder zuerst

  1. Pingback: “Frauen sind keine Opfer” | Dreyzack

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s