Brüder im heiligen Geiste

„Dies ist ein Ort westlicher Kultur und tief empfundener christlicher Tradition – Wer nicht bereit ist, diese Kultur zu respektieren, wird dazu aufgefordert, unsere Stadt zu verlassen.“ So der Wortlaut eines Schildes am Ortseingang des norditalienischen  (nicht sächsischen) Städtchens Pontoglio.pontoglio

Einige Interpreten des im vorgeblich tiefst empfundenen christlichen Geist und einer ganz spezifischen Willkommenskultur formulierten Spruchs meinen, er sei gegen Muslime gerichtet. Das wiederum zeugt von der immer noch verbreiteten eigentlich  mittelalterlichen Gewohnheit, Menschen und Regionen nach Religionen bzw. in Anhänger eines falschen und solche eines wahren Glaubens einzuteilen. Wer so die Welt ordnet,  übersieht gern, wer sonst sich noch angesprochen und aufgefordert fühlen dürfte, das unfreundliche Städtchen stante pede zu verlassen – solche nämlich, die nicht bereit sind, ihre Mitmenschen entsprechend ihrer Gottesvorstellungen und Gebetsrituale zu beurteilen. Solche, die das ganze Elend von Kriegen, Gemetzeln, Flucht etc. auf das Bedürfnis zurückführen, an unverrückbare offenbarte Gewißheiten (durchaus auch „gottlose“) zu glauben.

Sie liegen sicher nicht ganz falsch, wenn sie unterstellen bzw. befürchten, daß der Bürgermeister von Pontoglio auch sie und vielleicht sogar vor allem sie gemeint hat. Der wahre Feind tief empfindender Christen ist nicht, wer an einen anderen Gott oder anders an Gott glaubt, sondern der mit Sigmund Freud Religion für eine Zwangsneurose der Menschheit hält. Auch Mohammed respektierte und achtete die Anhänger anderer Monotheismen, die „Leute des Buchs“,  aber „diejenigen, welche nicht glauben und von Allahs Weg abwendig machen und alsdann als Ungläubige sterben, nimmer verzeiht ihnen Allah“ (Sure 47, 34). Das entspricht der christlichen unverzeihbaren „Sünde wider den Heiligen Geist“, nach Ansicht der Katholiken u.a. die „Unbußfertigkeit bis zum Tod“, wobei jegliches Wirken des Heiligen Geistes geleugnet wird. Solches kann aber auf nichts anderes zurückgeführt werden als auf das Wirken des Teufels.

Der Wiener Jude Alfred Polgar, einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Moderne  im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, fand dazu den folgenden Aphorismus: „Es scheint fast, als hätte Gott seinen Kreaturen die Frucht vom Baume der Erkenntnis verwehrt, um nicht durchschaut zu werden. Kaum hatten sie gegessen, da sahen sie, wie er ist. Das kann er nicht verzeihen.“ Polgars „Gott“, der nicht durchschaut werden will, ist der Gott Abrahams – sowohl der Gott der Juden wie der Christen und Muslime. Sie sind Brüder im heiligen Geist. Auch die Kämpfer des Islamischen Staates sind ihre Brüder. Sie verhalten sich eben nur wie feindliche Brüder. Sie alle müßte Pontoglio willkommen heißen, wohnten dort Christen im Geiste ihres Stifters. Deren wahrer Feind ist nicht der bärtige Halsabschneider, sondern jener, an dessen Daseins-Möglichkeit bis vor wenigen Jahrhunderten niemand dachte – der Atheist.

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s