Betreute Berichterstattung

Da steht die Breischüssel, dampfend, und sie schleichen mit hängenden Ohren und eingezogenem Schwanz um sie herum – jene Vertreter der Medien, die sich seit langem mit berechtigter Entrüstung das Schimpf- und Schande-Wort „Lügenpresse“ gefallen lassen müssen. Dabei erfüllen sie doch nur die moralische Pflicht, Minderheiten gegen falsche Verdächtigungen in Schutz zu nehmen, gegen das, was sie unisono „Generalverdacht“ nennen. Auch wollen sie große Teile des Volkes, die „Ratten“, davor bewahren, rechten Fängern in die Fallen zu gehen. Damit erfüllen sie eine Art Fürsorgepflicht wie ein Vater gegenüber seinen Kindern. Paternalismus nennt man das. Der paßt zwar nicht recht zu „mündigen Bürgern“, eher zu den „Menschen draußen im Lande“  (zu deutsch: Hinterweltler), wird aber seit Adenauers Zeiten gerne als politisches Volksfürsorgemittel eingesetzt.

Jetzt hat sich einer der prominentesten Vertreter jener angeblich notorischen „Lügner“, ZEIT-Chef Giovanni di Lorenzo, ganz nah an den heißen Brei-Topf herangewagt. Mit der sprachlichen Eleganz eines anerkannten Opinion Leaders (er führt mit Heribert Prantl von der SÜDDEUTSCHEN die Meinung der Intellektuellen im Lande) fordert er nicht nur „mehr Transparenz“ in den Medien und bezieht sich dabei auf das Kölner Silvester, sondern er nennt das, was die Pegidisten mit dem häßlichen Wort „Lügenpresse“ allzu grobschlächtig qualifizieren, sehr feinsinnig „eine Art betreute Berichterstattung“. Das klingt wie Putins „gelenkte Demokratie“. Das Volk ist nämlich, denken die Betreuer, doof und braucht so etwas. Zu seinem eigenen Besten. Di Lorenzo positioniert sich gegen solche Betreuung seiner gebildeten Leser durchaus kritisch. Sogar die DREYZACK-Schmähungen gegen das Unwort „Generalverdacht“ greift er auf, indem er es umgeht und sich darüber erregt, daß jene „betreute Berichterstattung“ stets eingeleitet wird „mit dem Satz, dass man nun aber nicht alle Muslime über einen Kamm scheren dürfe oder gar alle Flüchtlinge für Verbrecher halten solle“ (ZEIT vom 11.2.16).

Muß man jetzt um das Renommee des allseits geschätzten Journalisten fürchten, weil er Pegida-nahe Parolen verbreite und seine Leser an den rechten Rand treibe, den Fängern in die Arme? Dies ist ja auch eine Debatten-tötende Strategie, auf Argumente des Gegners gar nicht einzugehen, sondern sie dadurch zu „widerlegen“, indem man sie als Pegida-AfD-nah verortet. Schluß der Debatte! Oder willst du auf der falschen, der bösen Seite stehen? – Wofür di Lorenzo in seinem Leiartikel (Titel: „Die sprachlose Mitte“) wirbt, ist eine differenzierte Argumentation aus der gesellschaftlichen Mitte heraus. Die nämlich vermißt er inmitten des unterkomplexen, schreihalsigen Konzerts vor allem aber nicht nur in den Sozialen Medien. Er selbst begreift sich und sein Blatt als repräsentativ für diese Mitte – und bei genauem Hinsehen muß sich der DREYZACK entgegen manchem Anschein auch als radikal mittig selbst verstehen – aber eben als radikal.

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