Böse Engel

Vor fünf Jahren veröffentlichte Stephen Pinker ein aufsehenerregendes Buch mit dem Titel „The better Angels of our Nature. Why Violence has declined“ (deutscher Titel: „Gewalt“). Die lesende Welt staunte. Die Gewalt ist weniger geworden? Kann nicht stimmen. Pinkers Beweisführung stützt sich auf Statistiken und wirkt auf den ersten Blick überzeugend. Fragt man sich nach den Gründen für die statistisch weltweit gesunkene Gewalt, entdeckt man sie in Pinkers offenkundig religiös beeinflußtem Menschenbild. Nicht nur ehemals bei Leibniz, auch bei Theologen heute stößt man immer wieder auf auf das Dogma von der „gelungenen“ Schöpfung, die „gut“ gewollt sei von Gott und deren wichtigster Teil der Mensch sei. Auch der sei eigentlich „gut“, und man müsse einen Teufel hinzudenken, der das Böse in die Welt gebracht und den so freien wie leichtgläubigen Adam verführt habe.

Wer gegen Pinker argumentierte, der lange „Friede“ etwa in Europa, den es so noch nie gegeben habe, sei eine Folge der Furcht vor dem nuklearen Armageddon, sei der nackten Angst und weniger der Einsicht geschuldet, erhält als Antwort das Bild vom Menschen als dem Lebewesen, das aus Katastrophen lernen könne: „In der unscharfen Idee, eine zunehmend demokratische Welt sei nach den Massakern des 20. Jahrhunderts ‚kriegsmüde‘ geworden und habe aus ihren Fehlern gelernt, steckt ein wahrer Kern.“ Pinker konstatiert eine säkulare „Veränderung in der Geisteshaltung“. Nicht dumpfe Angst, sondern helle Vernunft sei heute verantwortlich für den langen Frieden.

Fünf Jahre nach dem Erscheinen von Pinkers Buch hat sich die „helle“ Welt eingedunkelt. Unsere bösen Engel schweben wieder vor der Sonne. Die NATO rüstet in Osteuropa auf. Im Nahen Osten ist ein Gewaltgebräu entstanden, das kaum noch regional einzudämmen ist. In der Ukraine ist „Minsk“ nie verwirklicht worden. Nicht nur der Papst oder der russische Ministerpräsident, auch Wladimir Klitschko, Sarah Wagenknecht und viele andere wie die Kommentatoren in den Medien nehmen angesichts der Ereignisse in Syrien und in der Ukraine das lange Zeit tabuisierte Wort „Weltkrieg“ (mit der Ordnungsnummer drei) wieder in den Mund. Die klug gewordene, vernunfterhellte Menschheit denkt also wie seit je wieder in den Kategorien des Krieges. In den letzten Wochen erreicht der Wortgebrauch lange nicht gekannte Ausmaße, was eine Google-Recherche bestätigt. Wer so über den Welt-Krieg redet und ihn denkt, mag ihn nicht herbeisehnen, aber er mag ihn insgeheim vergleichen mit den bisherigen Kriegen, die irgendwann auch nach 30 oder 100 Jahren endeten. Kriege starben auch an Erschöpfung. Es reicht offenbar bei vielen, auch Politikern und Militärs, nicht die Vorstellungskraft dafür, daß der nächste enden wird, ohne einen neuen Anfang wie 1648 oder 1945 zu generieren. Daß er, möge er „konventionell“ anfangen, auch konventionell enden würde, ist ein naiver Traum, wenn auch makaber genug. Wer die Waffe besitzt, den finalen Sieg des Feindes zu verhindern oder das eigene Leiden zu begrenzen, wird sie einsetzen. Das wäre auch eine Lehre aus den letzten Kriegen.

 

 

 

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