„Neuer Atheismus“

Vor acht Jahren, also nach 9/11 und vor dem „Islamischen Staat“ sowie angesichts einer vorgeblichen „Wiederkehr des Religiösen“ brachte es der Soziologe Ulrich Beck ironisch in einer Paraphrasierung von Zigarettenwerbung auf den Punkt: „Heute geht die Wiederauferstehung des Glaubens mit einer öffentlichen Warnung des Gesundheitsministeriums einher: Religion kann töten!“ Philosophische Symposien in Deutschland fanden statt unter der Überschrift „Ist Gott gefährlich?“ Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ erklommt die Bestseller-Gipfel. Die Ungläubigen schienen, wie schon im 18. Jahrhundert erhofft, entgegen aller Unkenrufe auf dem Vormarsch.

Die hinter alldem stehende Bewegung wurde in der angelsächsischen Welt als „New Atheism“ allzu pauschal zusammengefaßt. Der neue Atheismus ist in den Augen seiner Kritiker im Gegensatz zum „alten Atheismus“ eines Feuerbach, Marx oder Nietzsche militant und fundamentalistisch, seinem Gegenpart Evangelikalismus (Kreationismus) durchaus wesensverwandt. Hier werde an etwas „geglaubt“: nämlich an die Macht der Wissenschaft, die Welt zu erklären und die Existenz eines Gottes zu widerlegen. Mit „Wissenschaft“ sind, wie üblich in der angelsächsischen Welt, sog. harte Wissenschaften wie Physik, Biologie oder Neurophysiologie gemeint.

Beim genaueren Lesen und näheren Hinsehen zeigt sich aber, daß die üblichen Verdächtigen, etwa Daniel C. Dennett, von einer nicht-naturwissenschaftlichen Deutung  der religiösen Phänomene, etwa der Freuds, schon gehört haben: „Eine der überraschendsten Entdeckungen der modernen Psychologie ist, wie leicht es ist, von der eigenen Unwissenheit nichts zu wissen“ (Religion als natürliches Phänomen). Was für Dennett „überraschend“ und „neu“ sein mag, ist für Freudianer ein alter Hut. „Ich weiß nicht, daß ich nichts weiß“, faßt in einer Formel den sog. gesunden Menschenverstand, das Religiöse eingeschlossen, zusammen.

Immerhin, Dennett ist auf die richtigen Spur: Es geht nicht darum, „Gottes“ Existenz „wissenschaftlich“ zu beweisen oder zu widerlegen, sondern darum, nach dem Bedürfnis zu fragen, Ihn für existierend zu halten; nach dem Zwang zu fragen, der die Einsicht „verdrängt“, von solcher „Existenz“ gar nichts wissen zu können. Schwer scheint die philosophische Erkenntnis des Nichtwissens. Um mich quasi fürs Wahrheitsdefizit, für die Kontingenzen (Unberechenbarkeiten) dieses Lebens zu entschädigen, glaube ich an „Offenbarung“. Kant nennt dies „gottesdienstlichen Aberglauben“ und „Salto mortale der menschlichen Vernunft“.

Solche Zirkus-Kunststücke vollbringen erstaunlicherweise bis heute viele Intellektuelle und Wissenschaftler, weniger allerdings Philosophen. Auch an sie, die Gebildeten unter den Verächtern des Atheismus, wendet sich der neue Atheismus. Er breitet sich in einem dünn besiedelten, wüstenhaften Areal aus, nicht in den Niltälern dieser Welt. Aber dort gedeihen auch die Wissenschaften nicht, die uns aufklären über die Conditio humana. Und das sind nicht (nur) die Naturwissenschaften.

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2 Antworten zu „Neuer Atheismus“

  1. Dante schreibt:

    Ich glaube auch an das Leben vor dem Tod.

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  2. Said schreibt:

    Der blinde Fleck „des Atheisten“ (im Sinne des vielzitierten Generalverdachts) ist der Glaube, man könne auch nicht-glauben. So funktioniert der Verstand offenbar nicht, denn jeder Gedanke beruft sich auf ein Weltbild oder Erklärungsmodell. Letztendlich gibt es keine „Wahrheit“. In der Konsequenz ist es überflüssig, über die Sinnhaftigkeit von Glauben zu diskutieren. Entscheidend ist, welche Rechte und Tabus wir für uns daraus ableiten.

    Und hier zeigt sich die Stärke des „neuen Atheismus“, denn es darf in der (Natur-)wissenschaft alles bis in den tiefsten Kern kritisiert und hinterfragt werden. Nach dem Prinzip „Survival of the fittest“ setzen sich die besten Theorien und Modelle durch. Das spiegelt konzeptuell eine recht freie demokratische und mündige Gesellschaft, mit der sich viele Menschen gerne identifizieren.

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