Huntington revisited

War die Kölner Silvesternacht weniger ein massenhafter Ausraster ausgegrenzter und sexuell frustrierter Männer aus irgendeiner nordafrikanischen Macho-Kultur oder war sie vielmehr ein Scharmützel innerhalb eines größeren Krieges, der als „Clash of Civilizations“ seit über 20 Jahren sowohl als existierend behauptet wie auch als irrationales Phantasma zurückgewiesen wird? Wer einwendet, die brutal übergriffigen Männer und die weiblichen Opfer gehörten doch nicht zwei verschiedenen „Kulturen“, sondern nur verschiedenen Geschlechtern an, und den Geschlechterkrieg gebe es seit Urzeiten überall, bemerkt das Spezifische dieses Angriffs auf die weibliche Autonomie nicht: das Religiöse.

Nicht nur in der islamischen Welt, aber dort sehr ausgeprägt, trennt die religiöse Kultur die Geschlechter rigoros und läßt nur Nähe zu: 1. zur sexuellen Befriedigung verheirateter Männer und 2. zur Erzeugung von Nachkommenschaft. Die Lebenswelten von Männern und Frauen sind (wie schon im antiken Athen, der Wiege der europäischen Kultur) radikal unterschiedliche. Würden sie sich unkontrolliert vermischen, gäbe es – so die Argumentation regelkonformer Muslime –  Chaos und „Krieg“. Deshalb müßten, so der bereitgestellt Zynismus, die Schwächeren, die Frauen, geschützt werden durch Verschleierung und nur ausnahmsweise aufgehobenen Hausarrest. Die Männer brauche man nicht zu schützen und könne man auch nicht verändern. Sie seien so, wie sie sind, mitsamt ihrem Trieb Allahs Wunderwerke.

In Europa, in der westlichen Welt hat sich langsam seit der Aufklärung ein Menschenbild entwickelt, das schließlich im 20. Jahrhundert zu einer zunächst theoretisch-ideellen Gleichwertigkeit (nicht Gleichheit!) der Geschlechter führte. Dies gegen christliche (vor allem katholische) Konventionen und Regeln (Eucharistie u.a). Ein Prozeß, der sich nur auf der Basis von Säkularisierung entfalten konnte. Gott selbst, die Kirchenväter, der Klerus wehrten sich lange. Weil „Gott“ vom Patriarchat als Hüter der ewigen Ordnung gescoutet und eingestellt worden war und er sich selbst auch ewig gleichbleibt, kämpften die Gläubigen und kämpfen noch heute für eine ewige, „natürliche“ Ordnung der Geschlechter. In diesem Kampf erkennen sie die Muslime als treueste und wenig wankelmütige Mitstreiter. Deren alles andere als lasche oder beliebige Glaubenspraxis möge den Christen zum Beispiel dienen, heißt es. Dann wüßten auch deren Weiber um den Ort, in den sie nach Gottes Willen gehören: das Haus. Ordnung wäre und Friede zwischen den Geschlechtern. Houellebecq hat in seiner Satire „Unterwerfung“ eine solche Befriedung Frankreichs unter dem Banner des Propheten eine Dystopie gewidmet, die viele Kritiker verwirrterweise für „islamophob“ hielten.

Es scheint also nicht übertrieben, in der gegenwärtigen globalen Unübersichtlichkeit von einer neuen Grenzlinie zwischen Kulturen zu sprechen: dem Patriarchat mitsamt seinem Gott und seinen diversen Religionen auf der einen Seite und einer Menschheit, die nicht nur diesen Gott als Artefakt durchschaut, sondern sich auch, durchaus im Sinne des Nicht-Religionsstifters Jesus, als alle Geschlechter einbegreifende Einheit versteht. An dieser Grenze tobt allerdings der Kampf, an den Huntington nicht dachte. Die Muslime von Köln waren patriarchalische Kämpfer, auch wenn ihre Imame nachträglich behaupten, Allah habe das so nicht gewollt. Allah und der Prophet haben ihnen die Bestrafung der ungläubigen Huren nahegelegt, damit die in die Hölle kämen, worin der Gesandte Gottes sie in seiner Vision schon gesehen hatte. Und so heißt es noch 1791 im patriarchalischen europäischen Opern-Machwerk „Zauberflöte“ ganz im Sinne des Propheten und die Nähe zu ihm beglaubigend : „Hinab mit den Weibern zur Hölle!“

 

 

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Eine Antwort zu Huntington revisited

  1. Said schreibt:

    Wer die Zauberflöte „patriarchalisch“ nennt, ist blind für die Ironie, die sich u.A. in der Person des Papageno durch die Oper zieht. Wer weiter die Zauberflöte als ein „Machwerk“ betitelt, verkennt die komplexe Vielschichtigkeit, die hinter der Märchenfassade zu finden ist und seit Jahrhunderten Menschen begeistert und als Folie zur Sublimation dient.

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