Lisa und die Bürgerwehren

Der Fluch der guten Tat. Man glaubt ihnen nicht mehr – der Polizei, den Behörden, der Regierung, den Medien. Dabei sollte doch nur verhindert werden, daß eine negative Stimmung im Land gegen Ausländer, Flüchtlinge, Asylsuchende entsteht. Das Volk ist ja eine Art Generalverdächtigungsmaschine, und damit diese kein Futter findet, darf man sie nur dosiert mit der „Wahrheit“ versorgen – auch indem man sie verschweigt. Dies geschah in Köln. Ein Polizist konnte aber die Klappe nicht halten und gab bekannt, daß in der Silvesternacht verabredet worden sei, über die Herkunft der ihr spezielles Vergnügen suchenden Männer aus dem Morgenland nichts verlauten zu lassen. Das sei politisch inopportun.

Wer im Zeitalter der sozialen Netzwerke so dämlich ist, zu glauben, man könne die wahren Begebnisse solchen Ausmaßes unter der Decke halten, gehört bestraft. Die verstörende Tatsache selbst des Versagens der zum Schutz der Bürger verpflichteten Organe kommt hinzu. Statt zu erklären, wie solches Versagen möglich war, redete man sich schwammig auf die Schuld von Einzelpersonen (also nicht generalverdächtigend) heraus. Daß aber genau jenes selbstverordnete Wegschau-Gebot (bitte keine Farben unterscheiden!) das Versagen mitverursachte, wurde nicht einmal angedacht. Das ganze erinnert an die grotesken Fehldeutungen derselben Organe im Fall der NSU-Morde. Verordnet wird eine Gleichgerichtetheit des Blicks und des Verstandes, so daß alles, was nicht in der gerichteten Richtung vorkommt, übersehen wird. Der ehemalige Kanzler Erhardt sprach seinerzeit einmal von der „formierten Gesellschaft“. Vielleicht hat er dies gemeint.

Jetzt wuchern  die Verschwörungstheorien. Jetzt strömen die „Ratten“ der Wähler nicht nur zu den Ratten-Fängern der AfD, sie glauben sofort und gern auch Geschichten wie die von der vergewaltigten Lisa, auch wenn die Untersuchungsbehörden beteuern, alles sei erfunden. Wie kommen die Staatsanwälte und Pressesprecher darauf, daß man sie in diesem konkreten Fall für glaubwürdig hält? Wie kommt das ZDF, das nach Silvester zunächst schwieg, und andere Leitmedien darauf, daß man ihren Kommentatoren die Unbestechlichkeit des Blicks, der unabdingbar ist für diesen Beruf, noch zutraut? Was „nicht opportun“ ist, kann die Wahrheit sein, muß nicht. Systematisch und unter dem Vorzeichen einer verinnerlichten Angst vor den Rechten werden aus den Debatten oberhalb des Facebook-Schlamms immer wieder dieselben Elemente herausgefiltert: etwa die religiösen und kulturellen Grundbedingungen im Gefühlsleben der Menschen. Suggeriert wird eine Vorstellung von „Erlernen“ einer neuen Kultur in überschaubarer Zeit. Unterdessen formieren sich sog. „Bürgerwehren“, um die Lisas vor denen zu beschützen, die zu identifizieren und zu benennen den Staatsorganen nicht erlaubt war. Oder immer noch ist.

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