Unverhoffter Beistand

Was den DREYZACK an den gegenwärtigen Nach-Köln-Diskussionen ärgert, ist ihre Oberflächenverhaftung. Jeder Versuch, tiefere Schichten, historische, kulturelle, religiöse, freizulegen wird oft mit dem Hinweis unterdrückt, man könne den Islam nicht generalverdächtigen und diese Religion nicht qua Religion für aktuelle Verwerfungen und Krisen verantwortlich machen. Manche Menschen in den Medien, wie kürzlich Maybrit Illner in ihrer Talkrunde, trauen sich schon nicht mehr, das Wort „Islam“ dort, wo es hingehört, zu plazieren und müssen erst von der muslimischen Talk-Teilnehmerin, Seyran Ates, darauf hingewiesen werden, hier hätte der „Islam“ genannt werden müssen. Illner war es offensichtlich peinlich, bei ihrem Tabu-Gehorsam ertappt worden zu sein .

Zum Glück gibt es, vor allem unter den weiblichen Muslimen (warum wohl?) einige, die die Argumente des DREYZACK teilen, etwa Lamia Kaddor in einem aktuellen Interview (Bonner Generalanzeiger). Kaddor ist Muslima ohne Kopftuch, Islamwissenschaftlerin und islamische Religionspädagogin. Zum Thema „Patriarchat“ (s. DREYZACK-Art. „Hass“) sagt sie: „Mir zeigen die Vorfälle (in Köln), dass es dem Islam in großen Teilen nicht gelungen ist, das Patriarchat in die Schranken zu weisen. Die Männer halten daran fest, mit aller Macht. Darum geht es: um Machtfragen.“ Ja, es geht auch um die handgreifliche, religiös begründbare Macht über Frauen, die muslimische Männer „berechtigte“, auf dem Bahnhofsvorplatz Frauen zu erniedrigen und für lange Zeit zu traumatisieren. Zum Thema „Einfluß des Koran“ (s. DREYZACK-Art. „#Aufschrei“) hören wir von Kaddor: „Es gibt keinen Islamgelehrten, der Muslime auffordert, Frauen zu vergewaltigen. Aber natürlich findet sich in Sure 4:34 der Hinweis, daß man die Ehefrau, wenn sie Probleme mache, schlagen dürfe. Das gibt leider eine gewisse Denkrichtung vor. Wir kennen Vergewaltigungen auch von den Protesten am Tahrir-Platz in Ägypten. Da mussten sich die Opfer hinterher Kritik anhören: Warum gehst du da auch hin? Diese Argumente kennen wir auch in Deutschland zur Genüge.“

Sind solche Debattenbeiträge die ersten zarten Keime, aus denen ein selbstreflektierter und traditionskritischer „Euro-Islam“, eigentlich ein Widerspruch in sich, herauswachsen könnte? Der allseits geschätzte Navid Kermani, ein dem Sufismus, der islamischen Mystik, nahestehender deutscher Muslim mit Wurzeln im Iran, macht seinen vielen Bewunderern Hoffnung. Kermani könnte mit seiner subtilen Kritik am Christentum und besonders an der Kreuzes-Theologie einen interreligiösen Diskurs befeuern, der die Frage, ob „der Islam“ zu Deutschland gehören kann, auf ein Niveau jenseits der Wulff-Merkel-Plattheiten höbe. Es gab diese Kritik am christlichen Dogmatismus auch schon in der griechischen Spätantike und in El Andalus, dem muslimischen Spanien. Eine nicht von Feindseligkeiten von vornherein angekränkelte Debatte unter Religiösen, bei denen anders als mit Atheisten  eine Art Grundsolidarität vorauszusetzen wäre (oder eine elementare Feindschaft  ?), könnte, ergriffe sie die muslimischen Massen in Europa, eine Kolonialisierung durch den Islam, wie sei Houellebecq entwirft, verhindern und die Muslime so integrieren, wie für kurze Zeit die Juden Westeuropas integriert waren. Aber dies scheint ein zu anspruchsvolles Projekt – mit „Massen“, gar mit männlichen Machtansprüchen, kaum zu realisieren..

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s